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"Die Russen kommen" - Teil II

Jugendaustausch von 1993 Bild: privat

Schloßberger Jugendaustausch

Die Kreisgemeinschaft Schloßberg kann auf ein viertel Jahrhundert Friedensarbeit zurückblicken. Hier folgt der zweite von insgesamt drei Teilen.
Stehen Anfang der 90er Jahre noch die komplizierten Reiseformalia, die Programmgestaltung und das Einschätzen der Bedarfe und Erwartungen des Gegenübers im Vordergrund, kommt in der zweiten Hälfte der 90er auch der Arbeitseinsatz zur Pflege von Kriegsgräbern unter der organisatorischen Leitung des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge hinzu. Die Auseinandersetzung mit den tödlichen Folgen von Krieg untermauert den Sinn der verständigungspolitischen Jugendarbeit der Schloßberger und des Landkreises Harburg. Der Bericht einer deutschen Begegnungsteilnehmerin, die 1995 mit nach Lasdehnen gereist war, belegt auch unmittelbare Folgen der Gräberarbeiten auf verwahrlosten Friedhöfen. „Wir machten uns an die Arbeit: Unkraut zupfen, alles durchhacken, umgraben, Erde angleichen […]. Am nächsten Tag fanden wir ein Kreuz von einem russischen Soldatengrab. Dadurch waren wir der Bevölkerung gleich sympathisch, da es ihnen zeigte, dass auf dem Friedhof auch russische Soldaten begraben sind.“ Auch das russische Radio, das Fernsehen und die Presse haben über die Arbeiten berichtet, die mit einer offiziellen Feierstunde und Kranzniederlegung abgeschlossen wurden. (Bericht Stephanie Achenbach; Schloßberger Heimatbrief Nr. 33, 1995).
Nicht nur in Deutschland, auch im Königsberger Gebiet streckt sich so der lange Arm der Nachhaltigkeit aus. Der Verständigungsprozess erreicht die Häuser und Menschen, er wirkt und weckt Sympathien. Doch auch Nachhaltigkeit freundschaftlicher Beziehungen schützt nicht vor Stolpersteinen. So bleiben die russischen Anforderungen für Ausreisegenehmigungen unberechenbar. Im Juli 1997 wiesen etwa russische Grenzer einen Bus mit 17 Kindern auf dem Weg in den Kreis Harburg an der russisch-polnischen Grenze zurück. Zwar lagen die Genehmigungen der Eltern für die Ausreise vor. Doch die Grenzer forderten statt der vorhandenen Unterschriftenliste Einzelnachweise – eine Schikane, die die Kinderfreizeit mit viel Aufregung belasten und trotz aller Proteste um zwei Tage verkürzen sollte. An den Kinderfreizeiten nehmen keineswegs privilegierte Kinder von Russen mit Beziehungen teil, sondern Kinder aus normalen Familien und auch aus Waisenhäusern und  Pflegefamilien.
Dass die Freizeiten auch zehn Jahre nach der ersten Begegnung sinnstiftend bleiben sollten, belegt ein Bericht der Nordsee-Zeitung über die Kinderfreizeit im Sommer 2002 in Bederkesa. „Ich habe vorher von den Russen nicht viel gehalten“, zitiert das Blatt eine zwölfjährige bundesdeutsche Teilnehmerin. Die Erzählungen der Erwachsenen haben zu der „schlimmen Meinung“ geführt. Nun wisse sie aber, dass alles ganz anders sei. „Die sind total nett. Ein bisschen Russisch habe ich auch schon durch die gemeinsamen Lieder gelernt.“
Neben der finanziellen und ideellen Unterstützung des Kreises Harburg, unterstützt für einige Jahre auch der Bund Junges Ostpreußen (BJO) die Schloßberger Jugendarbeit, hilft organisatorisch und personell mit Betreuern. So wird Aneta Maciag, die selbst aus Schippenbeil stammt, neben Polnisch, Deutsch und Englisch auch Russisch beherrscht und über eine große Begeisterungsfähigkeit verfügt, für einige Jahre zu einer wichtigen Stütze der Kinderfreizeiten. In einer Zeitung findet sich der Bericht des kleinen Dima Smoljanow, der allein der Betreuerin einen ganzen warmherzigen Absatz widmet. „Mit ihr haben wir uns immer wie zu Hause gefühlt“, bringt der junge Russe seine Gefühle auf den Punkt.
Im Juli 2005 wird eine Erweiterung getestet, indem neben deutschen und russischen Kindern auch solche aus Neustadt an der Freizeit in Otterndorf teilnehmen. Unter den Betreuern sind auch Deutsche aus Polen. Doch sprachlich und organisatorisch ist die Herausforderung kaum zu bewältigen. Das Experiment gelingt zwar, setzt sich aber nicht für Wiederholungen durch.
2011, im zwanzigsten Jahr der deutsch-russischen Kinder- und Jugendbegegnungen ist Planung und inhaltliche Gestaltung der Freizeiten ein einstudierter und auf unzähligen Erfahrungen beruhendes Paket von Gesprächen, Briefen, Telefonaten und Planungs- und Finanzierungsmaßnahmen. Im Verband der Ostpreußen, Landsmannschaft Ostpreußen, hat sich die grenzüberschreitende Jugendarbeit der Kreisgemeinschaft Schloßberg in der Landsmannschaft Ostpreußen in Zusammenarbeit mit dem Patenkreis, dem BJO und der Stiftung deutsch-russischer Jugendaustausch von ähnlichen Projekten anderer Heimatkreise in Kontinuität, Häufigkeit, Tiefe und Nachhaltigkeit deutlich abgesetzt.
Vergleichbar intensive deutsch-russische Maßnahmen mit Blick auf die russische EU-Enklave Königsberg, einer kleinen Insel im Schengener Raum der Freizügigkeit und Prosperität wird man nun auch im 25. Jahr der Begegnungsreihe kaum finden.
Mit Spiel und Musik, Pädagogik und Förderung von Geschichtsbewusstsein und der Entdeckung von Gemeinsamkeiten überschreiten die Schloßberger seit nunmehr einem Vierteljahrhundert Jahr um Jahr Grenzen im europäischen Geiste. Ein Aspekt, der in Zeiten abkühlender Beziehungen zwischen Russland und der Europäischen Union, just in einer Phase wegbrechender Sympathien für das fragile Friedensprojekt, gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Genauso sieht das der russische Verwaltungschef von Lasdehnen, Wladimir Sytnjuk, der regelmäßig betont, dass die große Politik nicht die Arbeit für Kinder- und Jugendaustausch beeinflussen dürfe.
Viele russische Teilnehmer, die am Kinderferienlager teilgenommen haben, haben wir später bei den Jugendbegegnungen wiedergesehen. So verhält es sich auch bei den deutschen Teilnehmern. Einige haben fünfmal und mehr bei uns in den letzten Jahren teilgenommen. Der Rekord liegt aktuell bei neun Teilnamen hintereinander.
Die meisten der insgesamt 44 Freizeiten in den vergangenen 25 Jahren haben unter der Leitung des Ehepaares  Schmelz (Tegnerskrug), Hans Joachim Stehr (beide auch Gräberarbeit) und auch Aneta Maciag stattgefunden. Planung und Organisation der Veranstaltungen lagen in der Regel (mit kleinen Ausnahmen) von Anbeginn an in den Händen der Familie Schattauer. Nachdem Gerd Schattauer (verstorben) die Aufgabe nicht mehr wahrnehmen konnte, übernahm sein Sohn Norbert diese zentrale Schnittstellenfunktion zwischen Kreisgemeinschaft, Landkreis Harburg, russischer Rayonverwaltung und den ehrenamtlichen Betreuern.
Zu danken ist natürlich dem Patenkreis Harburg für die langjährige Unterstützung unserer Jugendarbeit. In besonderer Weise hat sich hier der Kreisjugendpfleger Franz Schaffeld hervorgetan. Auch nach seiner Pensionierung steht er uns mit Rat und Tat bis heute zur Seite.

Rund 850 Kinder und Jugendliche haben von den Maßnahmen direkt profitiert.

Für die Schloßberger bleibt die Begegnung in der jungen Generation ein wichtiges Anliegen – denn wer das hohe Haus des Friedens bauen will, der darf auf ein stabiles Mauerwerk auf den unteren Ebenen nicht verzichten, der muss heute jene mitnehmen und begeistern, die morgen vielleicht den Frieden bewahren sollen.

Bernhard Knapstein und Norbert Schattauer

 

Veröffentlicht am 03.01.2018
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