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Erst Ferienhäuser, dann Fabrikhallen

Ein Vortrag im Heimatmuseum Lötzen über dänische Internierungslager von 1945 bis 1949
Karl-Georg Mix beim Vortrag in Neumünster: Als Achtjähriger strandete der heute 81-Jährige selbst in einem Lager in Dänemark Bild: Krüger

Das Thema „Flüchtlinge“ ist in aller Munde. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht über Menschen berichtet wird, die ihre Heimat verlassen haben und denen im Deutschland des Jahres 2017 Willkommenskultur, Teilhabe und Integration geboten werden sollen – drei Begriffe, die bei einer über 70 Jahre zurückliegenden Flüchtlingskrise im Nachbarland Dänemark keine Rolle spielten. Das wurde auch bei einem Vortrag von Karl-Georg Mix im Heimatmuseum der Kreisgemeinschaft Lötzen in der Patenstadt Neumünster deutlich.
Der emeritierte Pastor aus Lübeck berichtete über ein Martyrium, das fast einer Viertelmillion Menschen aus dem deutschen Osten zwischen 1945 und 1949 in dänischen Internierungslagern widerfahren ist. Mix, Jahrgang 1936, weiß sehr genau, wovon er spricht. Als Achtjähriger strandete er mit Eltern und Geschwistern selbst in einem der Lager. 2005 legte er nach langer Recherche eine wissenschaftlich-solide Aufarbeitung dieses sonst wenig beachteten Kapitels des Zweiten Weltkriegs in Buchform vor. Unter seinen Zuhörern waren auch einige Zeitzeugen, darunter eine aus Stuhm in Westpreußen stammende 92-jährige Neumünsteranerin, die seinerzeit als junge Lehrerin die Kinder in einem Lager auf der Insel Fanö unterrichtete.
Der Vortrag von Karl-Georg Mix war von Verständnis und Mitgefühl geprägt – für die Internierten, aber auch für die Dänen, die es nur mit Mühe und teils sehr widerwillig schafften, der Flüchtlingsmassen einigermaßen Herr zu werden. Dabei hatten es die Menschen, die aufgrund eines Befehls von Adolf Hitler vom 4. Februar 1945 an vor den anrückenden Sowjets auch ins von Deutschen besetzte Dänemark evakuiert wurden, zunächst gut getroffen. Die ersten von ihnen wurden von der deutschen Wehrmacht in hübschen Ferienhäusern mit Meerblick, aber auch in Schulen, Turnhallen oder Kasernen untergebracht. Sie erhielten Betreuung und Geld. Außerdem konnten sie sich relativ frei bewegen. Nicht wenige wähnten sich nach den vorausgegangenen Gefahren und Entbehrungen in einem Land, in dem „Milch und Honig fließen“. Das änderte sich nach der Kapitulation und dem Abzug der deutschen Truppen Anfang Mai 1945 schlagartig.
Die Siegermächte verdonnerten Dänemark zur weiter andauernden Aufnahme der Deutschen. Das kleine Königreich befand sich in einer politischen Ausnahmesituation, dänische Widerstandskämpfer sahen die Chance, die eine oder andere offene Rechnung – auch mit ihren Landsleuten – zu begleichen. Die unbeliebten Gäste, die man in erster Linie als neuerliche „Invasoren ohne Uniform“ sah, wurden in eilends hergerichtete Barackenlager, teilweise aber auch in leerstehende Fabrikhallen verfrachtet. Insgesamt entstanden über 100 Lager, das größte in Oksböl an der Westküste Jütlands hatte bis zu 37000 Insassen. Jedem Flüchtling standen 2,5 Quadratmeter Lebensraum zu. Manchmal wurde auch das noch unterschritten. Stacheldraht rundum, schlechte Verpflegung, Seuchengefahr, eine mangelhafte medizinische Versorgung, Ungeziefer und das Fehlen jeglicher Privat-sphäre setzten den Menschen schwer zu.
Nur Frauen, Kinder und alte Männer, die man nicht einmal mehr zum „Volkssturm“ eingezogen hatte, lebten in den Lagern. Gerade diese alten Männer mit ihrer langen Lebenserfahrung schafften es aber, zur Verbesseung der Situation beizutragen. Mit handwerklichem Können schufen sie aus zurückgebliebenem Kriegsschrott neue Gebrauchsgegenstände, mit ihrem Organisationstalent bauten sie – von gutwilligen Dänen unterstützt – eine Selbstverwaltung innerhalb der Lager auf. Sport, anspruchsvolle Kulturangebote und sogar ein sehr hochentwickeltes, dreigliedriges Schulsystem gehörten dazu. Dänischunterricht war aber verboten. Die unfreiwilligen Gastgeber wollten die „Gäste“ so schnell wie möglich wieder vom Hals haben, was vor allem die Briten mehr als vier Jahre lang erfolgreich zu torpedieren wussten. Jede „Fraternisierung“ zwischen Dänen und Deutschen war derweil streng verboten. Niemand aus den Lagern sollte auf die Idee kommen, in Dänemark eine mögliche neue Heimat zu sehen.
Mix konnte aber auch viele Beispiele für Menschlichkeit und pragmatisches Miteinander liefern. Zum Teil nahm das skurril wirkende Züge an, die über
70 Jahre später sogar für einen Lacher gut sind. Er berichtete von Wachsoldaten, die ein Fußballspiel von Flüchtlingsjungen beobachten sollten, nach wenigen Minuten aber ihre Karabiner in die Ecke stellten, um selber mitzukicken. Es gab dänische Bewacher, die noch nie in ihrem Leben ein Gewehr in der Hand gehalten hatten, nun aber die Flüchtlinge in Schach halten mussten. In der Not erbarmte sich ein alter deutscher Feldwebel, ihnen die wichtigsten Grundsätze und Handgriffe näherzubringen – damit keine Unfälle passieren. Tatsächlich fielen auch einige tödliche Schüsse in den Internierungslagern. Zumeist waren haarsträubende Missverständnisse der Auslöser. Willkürliche Gewalt gegen die Flüchtlinge gab es nur selten, aber die Anrede „Tyske Svin“ (deutsches Schwein) war durchaus üblich. Alles in allem – so kann das Fazit wohl lauten – zeigten sich die Dänen im Vergleich zu einigen anderen Siegern des Zweiten Weltkrieges menschlich, wenn auch auf einem nach heutigen Maßstäben eher niedrigen Niveau.
Auf das dunkelste Kapitel kam man dann während der Nachfragen aus dem Zuhörerkreis zu sprechen. Allein im Jahre 1945 starben 13000 Internierte, darunter 7000 Kinder unter fünf Jahren. Säuglinge hatten praktisch kaum Überlebenschancen. Hauptgrund dürfte neben fehlender Milch – obwohl teilweise in Sichtweite der Lager große Kuhherden auf satten, grünen Wiesen weideten – die schlechte medizinische Versorgung gewesen sein. Der dänische Ärzteverband hatte im März 1945 beschlossen, deutschen Flüchtlingen generell keine Hilfe zu leisten. Immerhin: Einige Mediziner hielten sich nicht daran und folgten ihrem Gewissen – wurden dafür aber manchmal von Landsleuten angefeindet. Auch das Rote Kreuz Dänemarks lehnte seinerzeit jedes Engagement ab, weil „die Stimmung der Bevölkerung gegen die Deutschen“ sei. Im Ergebnis überlebten 80 Prozent der Kleinkinder ihre Internierung nicht. Dies hat übrigens die dänische Historikerin und Ärztin Kirsten Lylloff 60 Jahre nach Kriegsende erstmals mit einer Fülle an Belegen öffentlich gemacht und eine langanhaltende Diskussion im Königreich angestoßen. Immerhin, so rechnete sie ihren Landsleuten vor, seien „mehr deutsche Flüchtlinge in dänischen Lagern ums Leben gekommen, als Dänen während des ganzen Krieges“.    Joachim Krüger

Zum Weiterlesen: Karl-Georg Mix: „Deutsche Flüchtlinge in Dänemark 1945–1949“, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2005, gebunden, 231 Seiten, 51 Euro

Veröffentlicht am 19.07.2017
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