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Neue Synagoge soll wiedererstehen

Königsberger Oberrabbiner enthüllte im Beisein des Bürgermeisters den Grundstein auf der Lomse
Enthüllt, nicht gelegt: „Grundstein des Wiederaufbaus der Königsberger Synagoge“

Auf der Lomse wurde an der Lindenstraße (uliza Oktjabrskaja Nr. 3), in unmittelbarer Nähe des Doms, in einem feierlichen Akt mit dem Wiederaufbau der alten Neuen Synagoge begonnen.

Der neue Bau soll sich am ursprünglichen Entwurf des deutsch-jüdischen Architekturbüros Cremer & Wolffenstein orientieren. Die 1896 eingeweihte liberale Synagoge war die Hauptsynagoge Königsbergs und Zentrum des örtlichen Judentums, das sich seiner deutschen Umgebung weitgehend assimiliert hatte. Sie galt Kennern der Materie als eine der schönsten Synagogen Deutschlands oder sogar Europas.

Schon seit einiger Zeit gab es seitens des orthodoxen Königsberger Rabbinats unter Oberrabbiner David Schwedik Bestrebungen, die Neue Synagoge wiederaufzubauen. Bisher reichten dazu freilich die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel nicht aus, da das Königsberger Rabbinat offiziell nur etwa 2000 Gläubige zählt und diese nicht unbedingt eifrige Synagogengänger sind. Überraschend ist dem „Fonds zur Errichtung der Königsberger Synagoge in Kaliningrad“ im September doch noch eine Spende zugegangen, die den Synagogenbau ermöglichte. Rabbiner Schwedik hielt sich bisher über die Herkunft des Geldes bedeckt, doch zur Grundsteinlegung ließ das Rabbinat durchsickern, dass der Königsberger Handelsmagnat und Multimillionär Wladimir Kazman etwa fünf Millionen Euro für den Bau gespendet habe. Kazman wurde nun auch bei der Grundsteinlegung offiziell als Hauptgeldgeber vorgestellt.

Um 12 Uhr begann die feierliche Zeremonie der Grundsteinlegung unter der Leitung des Königsberger Oberrabbiners. Der Termin war nach jüdisch-kabbalistischen Erwägungen bestimmt worden, da er in die Zeit des Laubhüttenfestes und dabei zugleich auf den 18. Tag des Monats Tischri fiel, sodass sich der Feiertag mit der kabbalistischen Glücks­zahl 18 – dem Zahlwert des hebräischen Wortes „chaj“ (Leben) – kombinierte. Neben Schwedik sprachen dabei unter anderem Bürgermeister Alexander Jaroschuk sowie weitere Vertreter der Politik und des örtlichen Judentums. Unter ihnen befand sich auch der bundesdeutsche Konsul Aristide Fenster, dessen Anwesenheit von den russischen Medien auffälligerweise nicht erwähnt wurde. Zugegen waren zudem einige Abgeordnete der Gebietsduma und des Stadtrates sowie konsularische Vertreter Litauens, Polens und Deutschlands, vor allem aber jüdische Einwohner Ostpreußens. Nach Angaben der Jüdischen Gemeinde kamen so insgesamt etwa 100 Teilnehmer zusammen. Tatsächlich aber waren es nur gut halb so viele. Diese geringe Beteiligung spiegelt die beschränkte Bedeutung der jüdischen Religion im Königsberger Gebiet wider, die im Gegensatz zur Dominanz jüdischer Vertreter in der regionalen Wirtschaft und Politik steht.

Neben den allgemeinen Ansprachen wurde durch Rabbiner Schwedik der Grundstein, bei dem es sich allerdings nicht um einen Baustein, sondern um einen großen Granitblock handelt, feierlich enthüllt und geweiht. Auf ihm befindet sich eine Tafel mit einer Inschrift in hebräischer und russischer Sprache, die neben dem Datum die Worte „Grundstein des Wiederaufbaus der Königsberger Synagoge“ beinhaltet. Ausdrück­lich wird hierbei der deutsche Name der Stadt verwendet, der damit offiziell Teil des neuen Gebäudenamens wird. Daran änderten auch gegenteilige Bemühungen des Rabbinatssprechers, Zeitungsherausgebers und Anführers einer regionalen Rockergruppe, Lwowitsch Sterlin, nichts, der nicht nur in dieser Hinsicht von seiner eigenen Gemeinde isoliert ist. Auch Finanzier Kazman ist ein bekennender Anhänger des Namens „Königsberg“, dessen offizielle Wiedereinführung er in der letzten Zeit öffentlich gefordert hat. In einem Zeitungsinterview sagte er dazu: „Als stolzer Jude möchte ich in Königsberg leben!“ Mit einem Massenmörder wie Kalinin will die Jüdische Gemeinde in Königsberg jedenfalls nichts zu tun haben.

Über die baulichen Details des Wiederaufbaus besteht offenbar noch weitgehende Unklarheit. Während offiziell gesagt wird, es handele sich um einen historisch genauen Wiederaufbau, äußerte Oberrabbiner Schwedik gegenüber der jüdischen Gemeindezeitschrift „Simcha“, dass das Gebäude „kleiner als das vorherige“ ausfallen werde. Die neue Synagoge solle ein „kulturelles, wohltätiges, erzieherisches und sportliches Zentrum“ darstellen. Dass damit die ursprüngliche Inneneinrichtung in ihrer Gesamtheit ebenso hinfällig sein dürfte wie im speziellen die einstige Orgel, die den neuen orthodoxen Nutzern als ein Frevel erscheinen muss, ist evident. Die beschriebenen Funktionen belegen die Absicht, die kleine jüdische Gemeinschaft weiter von ihrer nichtjüdischen Umgebung abzugrenzen, was zwar ganz ostjüdischer Tradition entspricht, aber dem Wesen der heutigen Vielvölkerstadt Königsberg zuwiderläuft. Hier dürfte es sicher noch zu einigen Auseinandersetzungen kommen. Auf jeden Fall werde, so versicherte Schwedik, die Fassade der Synagoge „in ihrer ursprünglichen Form“ rekonstruiert. Man darf daher hoffen, dass zumindest ein Teil der architektonischen Außenwirkung des früheren Bauwerks wiederhergestellt werden kann. Dass angesichts der unverkennbaren Disharmonien und der geringen Zahl aktiver Gemeindemitglieder in gleicher Weise an die sozialen und kulturellen Außenwirkungen der ehemaligen Neuen Synagoge angeknüpft werden kann, die sich über lange Jahre erfolgreich in ihre andersgläubige Umgebung einzubinden wusste, muss man indes leider bezweifeln.

Thomas W. Wyrwoll

Veröffentlicht am 02.11.2011
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