Von der DDR unterwandert
Vertriebenenverbände im Visier der StasiBei vorliegendem Buch handelt es sich um die erste grundlegende, aktenbasierte Untersuchung zu den Aktivitäten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gegen die Vertriebenenverbände in der Bundesrepublik und in West-Berlin, obwohl das Thema mit vorliegender Publikation noch lange nicht erschöpfend abgearbeitet ist. Im oftmals wirklichkeitsfremden politischen Denken der SED-Führung wurden Rolle und Einfluss jener Verbände jahrzehntelang völlig überbewertet und ihnen eine markante Rolle bei der Planung und Verwirklichung einer kriegslüsternen, revanchistischen Politik seitens der politischen Führung der Bundesrepublik zugeschrieben. Deshalb unterlagen sowohl der Bund der Vertriebenen als Dachorganisation wie auch die rund 20 existierenden Landsmannschaften und deren Vorgängerorganisationen einer aufmerksamen Beobachtung und zugleich vielfältigen Zersetzungsmaßnahmen durch das MfS.
MfS-Agenten agierten durchaus erfolgreich in den einzelnen Organisationen, wie der IM „Kern“ alias Erika Reißmann im BdV von 1972 bis 1985 oder der IM „Kropf“ alias Lothar Roßdeutscher, der von 1952 bis 1985 die „Schlesische Landsmannschaft“ in West-Berlin ausspähte. Die Identität des weiblichen IM „Sitha“, welcher langjährig in der Ostpreußischen Landsmannschaft in Hamburg tätig war, konnte bislang nicht zufriedenstellend geklärt werden. Propagandistisch geschickt wurde sodann die Führung der einzelnen Vertriebenenverbände wegen ihrer angeblichen oder tatsächlichen NS-Vergangenheit (wie Theodor Oberländer oder Walter Becher) seitens der DDR öffentlich angeprangert. Das MfS trug dazu bei, in dem es durch gezielte Ermittlung von personenbezogenen Informationen und die Anlage von geheimen Personaldossiers national wie international Wirkung zeigenden DDR-Publikationen („Braunbuch der Nazi- und Kriegsverbrecher in der Bundesrepublik“ 1965) maßgeblich unterstützte.
Da 20 Jahre nach dem Ende des MfS noch dieselbe Strategie von linken bis linksextremen Kräften in der Bundesrepublik zur Diskreditierung der Vertriebenenverbände gefahren wird, sei hier auf das bekannte Problem der „Kontinuität von Eliten“ hingewiesen. Heike Amos verweist zudem darauf, dass in der DDR-Volkskammer während der 50er Jahre unter Anlegung gleicher Maßstäbe gleichfalls etwa 40 Prozent „Belastete“ zu finden gewesen wären. Leider geht die Verfasserin in ihrem Buch nicht näher auf die Auswahl und fachliche Qualifikation der jeweiligen MfS-Offiziere ein, welche sich mit den Vertriebenenverbänden beschäftigten. So bleibt unklar, ob sich bei diesen Geheimdienstlern eine Herkunft aus Ostdeutschland und den Oder-Neiße-Gebieten bei der Karriere als förderlich oder hinderlich erwies und wie sich diese Offiziere die dienstlich notwendigen Kenntnisse zur Geografie und Geschichte der Ostdeutschen sowie über Flucht und Vertreibung zu verschaffen wussten. Viele Informationen über die Vertriebenenverbände wurden durch das MfS auch an die Partner-Geheimdienste Polens, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion weitergereicht.
Heike Amos stützt sich in ihren allgemeinen Darlegungen zur Geschichte und dem politischem Einfluss der Vertriebenenorganisationen stark auf Manfred Kittel („Vertreibung der Vertriebenen“, 2007) und Matthias Stickler („Ostdeutsch heißt Gesamtdeutsch“, 2004), obwohl sie gerade letzteren an manchen Stellen glaubt, kritisieren zu müssen. Wenn Heike Amos zukünftig aus Zeitschriften zitiert, etwa dem „Spiegel“, so sollte sie praktischerweise bei den jeweiligen Artikeln nicht nur den Jahrgang, sondern auch die Nummer der Zeitschrift angeben.
Heike Amos: „Vertriebenenverbände im Fadenkreuz. Aktivitäten der DDR-Staatssicherheit 1949 bis1989“, Oldenbourg München 2011, geb., 322 Seiten, 49,80 Euro
Jürgen W. Schmidt




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