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Ostpreuße mit Leib und Seele

Der in Hamburg lebende Journalist Evgeny Dvoretski sammelt alte Postkarten aus dem Samland
In seinem privaten "Ostpreußenmuseum": Autor und Sammler Dvoretski Bild: MRK

Vor kurzem erschien ein neues Postkartenbuch „Pobethen in alten Ansichtskarten 1258–2013“, das der russische Journalist Evgeny Dvoretski gemeinsam mit seinem deutschen Freund Dietmar Wrage herausgegeben hat. Zwar handelt es sich um einen kleinformatigen Bildband, doch verfügt er über einen großen Inhalt.

Die umfangreiche Bibliothek mit Literatur über Ostpreußen ist um einen Band reicher geworden.  Das Buch „Pobethen in alten Ansichten“ zeigt insgesamt 65 Ansichten des Ortes, der 26 Kilometer von Königsberg und sechs Kilometer von der Ostsee entfernt liegt. Der Band zeigt Postkarten, die von Jugendstilornamenten umrahmt sind, sowie auch bestimmten Themen wie „Samlandbahn“  oder „Fischhausener Kreisbahn“ gewidmet sind. Das Buch erschien aus Anlass des 755-jährigen Bestehens Pobethens, das erstmals 1258 urkundlich erwähnt wurde.
Im Vorwort berichtet der russische Journalist und Sammler, aus dessen Kollektion die abgebildeten Postkarten sämtlich stammen, über die deutsche Geschichte der Siedlung Pobethen, während der deutsche Heimatfreund Dietmar Wrage über die aktuellen Ereignisse in der heute Romanowo genannten Ortschaft schreibt.
Beide Herausgeber verbindet die Liebe zur Heimat Ostpreußen. Dvoretski wurde 1950 in Tapiau geboren, Wrage wurde 1938 in Pobethen geboren und lebte bis zum Kriegsende dort. Er hat eine Karthothek über das Samland mit Ortsinformatinen, Bildergalerien und Kartenmaterial zusammengestellt, das über seine homepage „www.pobethen-dietmar.de“ abgerufen werden kann. Die Idee, gemeinsam ein Buch über Pobethen herauszugeben, entstand schon vor längerer Zeit. Während Dvoretski sich um das inhaltliche Konzept kümmerte, sorgte Wrage für die Finanzierung und Machbarkeit des Projekts. Herausgekommen ist ein Beispiel deutsch-russischer Zusammenarbeit, das sich sehen lassen kann.
Doch wie kam es dazu, dass ein russischer Journalist sich einem so speziellen Hobby wie dem Sammeln von Postkarten aus Ostpreußen widmet?
Die Leidenschaft zum Sammeln wurde bei Evgeny schon in frühester Kindheit angelegt. Sein Vater, der von Beruf Übersetzer beim Militär war und der 1945 mit der Roten Armee nach Ostpreußen gekommen und geblieben war, sammelte Briefmarken. Im Alter von neun Jahren kannte der Sohn sich bereits gut mit Münzen aus. Aber in der Sowjetunion galten Münzsammler als verdächtige Personen, als Spekulanten, die man beobachten musste. Erst am 15. April 1979 wurde offiziell der „Kaliningrader Klub der Kollektionäre“ gegründet. Dessen Vorsitzender war Dvoretski bis zum Tag seiner Ausreise im Jahr 1998. Seine Sammlung wurde in der Königsberger Kunstgalerie ebenso ausgestellt wie in Cranz und anderen Orten. Er erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen.
Evgeny beschäftigte sich auch schon früh mit dem Schreiben. Mit 15 verfasste er Artikel für die „Pionerskaja Prawda“. Das war zu der Zeit ein großer Erfolg. Weil seine Artikel allgemeines Interesse fanden, durfte er nach dem Schulabschluss an der philologischen Fakultät der Königsberger Universität studieren. Er schrieb für Neuhausener Lokalzeitungen und für den „Kaliningrader Komsomolez“. Acht Jahre lang arbeitete er für eine Cranzer Kreiszeitung und er erhielt auch Aufträge fürs Radio.
Als er zum Militär einberufen wurde, entdeckte der junge Evgeny weitere Leidenschaften: Er lernte boxen und in seiner Freizeit spielte er Bridge. Die Freude an sportlichen Aktivitäten und am Kartenspiel ist ihm bis heute erhalten geblieben. Zweimal bestieg er inzwischen den Mont Blanc; sein Artikel über die zweite Besteigung erschien sogar in der überregionalen Zeitung „Argumente und Fakten“, in seiner Freizeit spielt er in einem privaten Zirkel auch kompliziertere strategische Kartenspiele, er springt Fallschirm und läuft Ski.
Nach Deutschland kam der Journalist im Rahmen eines Entschädigungsprogramms der Bundesregierung für Juden Ende der 80-iger Jahre. Damals kamen neben 2,7 Millionen Russlanddeutschen auch 200000 Juden, ehemalige Sowjetbürger, in die Bundesrepublik. Einer von ihnen war Evgeny Dvoretski. Ihm war es in Ostpreußen eigentlich gar nicht schlecht ergangen, aber ein Freund hatte ihn zur Ausreise überredet. Er folgte dem Vorschlag gern, in der Überzeugung, der russischen Trägheit und Korruption, die sich in allen Bereichen breit gemacht hatte, zu entfliehen.
In Deutschland hat er sich inzwischen gut eingerichtet. Sein einziges Problem war und ist die Sprache. Zwar hat er mit seiner Frau gleich nach ihrer Ankunft Deutschkurse besucht, doch lernt es sich nicht mehr so gut, wenn man schon etwas älter ist. In der Universität hatte Evgeny nur Englisch gelernt. Als er mit dem Sammeln deutscher Postkarten begann, kaufte der Wissbegierige sich ein deutsches Wörterbuch, um die Texte auf den Karten zu entziffern. Viele Postkarten seiner Sammlung hatten die Teilnehmer der Klubtreffen mitgebracht. Sie hatten sie zum Teil in alten deutschen Häusern gefunden. Evgeny machte sich auf den Weg, die abgebildeten Gebäude zu finden. Da Cranz im Krieg nicht groß in Mitleidenschaft gezogen worden war, hatte er Erfolg. Auch Besuche des Cranzer Museums halfen ihm bei seinen Recherchen. So lernte er die Geschichte des Seebads kennen, aber die Postkarten halfen ihm auch, die deutsche Kultur und den Geist besser zu verstehen.
Nach der Ausreise fand Familie Dvoretski in Hamburg eine ständige Bleibe. Irgendwie erinnert die Hafenstadt den Journalisten an Königsberg. Als gutes Omen sieht Evgeny auch die Tatsache, dass es einen Hamburger Stadtteil mit dem Namen Cranz gibt, ein gutes Zeichen ist für ihn aber auch, dass in seinem zweiten deutschen Pass als Geburtsort „Tapiau“ steht und nicht „Gwardejsk“, wie der Ort ja seit Kriegsende heißt. Das ist dem Umstand geschuldet, dass die deutschen Behörden sich zu dem Zeitpunkt wieder an das Vorkriegsgesetz hielten, in dem deutsche Ortsbezeichnungen ausländischen vorzuziehen sind, in Fällen, bei denen diese Orte einmal deutsche waren.
Die Familie ist mit ihrem Leben zufrieden. Nur mit der Ausübung seines erlernten Berufs hat Evgeny wenig Erfolg. Anfangs schrieb er viel für die in Hamburg erscheinende russischsprachige Zeitung „Bei uns in  Hamburg“ und andere Publikationen, doch zum Leben reichten die Aufträge nicht. Während seine Frau nach ihrer Umschulung in einem Altenheim ganz in der Nähe der Wohnung arbeitet, verdingt Evgeny sich in verschiedenen Jobs, fährt Waren aus oder übernimmt Hausmeisterdienste. Er nimmt es humorvoll, indem er sagt „Bis 11 Uhr morgens bin ich ein deutscher Proletarier, nach 11 Uhr ein russischer Intellektueller“. Dann sitzt er am Computer, recherchiert im Internet, beschäftigt sich mit seinen Postkarten oder schreibt Artikel. Daneben hält er auch Vorträge bei der Jüdischen Liberalen Gemeinde Hamburg, wo er zuletzt bei einer Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Zeit-Stiftung über „Die Juden in Ostpreußen und in dem heutigen Kaliningrader Gebiet“ referierte.
Evgeny hat vier Kinder. Ein Sohn lebt als Programmierer in Israel, sein Sohn arbeitet als Ingenieur bei Airbus in Hamburg und Tochter Anna ist eine viel beschäftigte Geschäftsfrau in Königsberg. Eine weitere Tochter studiert an der Hamburger Universität. Sie war wie ihre Mutter Erzieherin in einem Heim für Taubstumme.
Schon bald nach seiner Ankunft in Hamburg wurde Evgeny Mitglied der Landsmannschaft Ostpreußen, die ihn freundlich aufnahm. Über sie bekam er auch Kontakt zu Manfred Schwarz, der das „Bildarchiv Ostpreußen“ aufgebaut hat, es betreut und ständig erweitert. Schwarz besuchte Dvoretsky in Hamburg und archivierte dessen umfangreiche Postkartensammlung, die inzwischen Dutzende Alben füllt. Die Sammlung umfasst 70 verschiedene Themenbereiche wie Pensionate, Cafés, Promenade,  Meer, Segelschiffe, Orte im Kreis Cranz, die Vogelwarte Rossitten, aber auch Friedhöfe. Am besten gefallen Evgeny selbst Postkarten mit Jugendstilmotiven.
Als nächstes Projekt plant der Hamburger Journalist ein weiteres Postkartenbuch über Neuhausen, aber das ist noch Zukunftsmusik. Zunächst gilt es, das aktuelle Buch über Pobethen im Eigenvertrieb zu verkaufen. Das Buch ist für zehn Euro zuzüglich Porto direkt beim Autor zu beziehen: Evgeny Dvoretski, Finnmarkring 10, 22145 Hamburg, Telefon (040) 67928325 (Deutsch sprechend),
E-Mail: evg.hamburg(at)gmx(dot)de.

Manuela Rosenthal-Kappi

Veröffentlicht am 02.04.2014
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