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Die Großmutter soll es hören

LO-Kulturpreisträger Siegfried Matthus wünscht Aufführung am Grab seiner Großmutter
Foto aus dem Jahr 1938: Maria Matthus, geb. Felter, mit ihren Enkelkindern Siegfried, Dora und einer Puppe Bild: privat

Im Oktober 1944 erhielten wir den Befehl, unser Heimatdorf zu verlassen. Mit der gut eingepackten Großmutter auf einem Wagen erreichen wir in Neumark, nahe bei Elbing, ein Quartier. Da die sowjetische Front in Nemmersdorf, etwa zehn Kilometer östlich von unserem Heimatdorf, zum Stillstand kam, wurden die freigestellten Bauern mit ihren Fahrzeugen wieder in die Heimatdörfer zurückbestellt, um die Ernte einzubringen
Als an einem bitter kalten Januartag 1945 die sowjetische Offensive einsetzte, packten die Neumarker Bauern ihre Fuhrwerke, aber die Flüchtlinge aus den Ostgebieten, die ohne Fahrzeuge waren, standen hilflos da.
Meiner Tante war es gelungen, die sterbenskranke Großmutter mit ihren Matratzen auf einem der Neumarker Fahrzeuge unterzubringen. Meine Mutter, im sechsten Monat schwanger, schickte mich los, meiner Tante und meiner Großmutter zu helfen. In der Situation meiner Mutter eine großzügige Entscheidung, denn nun war meine achtjährige Schwester mit den zu versorgenden zwei jüngeren Brüdern ihre einzige Hilfe.
Fast zwei Drittel der Bevölkerung Ostpreußens wollte mit einer Fähre, die in einer Viertelstunde etwa sieben Fuhrwerke und die zurückflutenden Verwundetentransporte schaffte, die Weichsel überqueren. Schon viele Kilometer vor der Weichsel ließen die Bauern ihre Fahrzeuge stehen und versuchten, mit leichtem Handgepäck über den Fluss zu kommen.
Meine Tante und ich brachen von einem Wagen eine breite Tür ab, legten darauf die Matratzen und wollten so meine Großmutter durch den Schnee ziehen. Natürlich kamen wir in dem Menschengedränge damit nicht vorwärts. Meiner Tante gelang es mit bittenden Worten, den Leiter eines Verwundetentransportes zu überreden, unser merkwürdiges Transportgerät mit der Großmutter an einen Panjewagen mit verwundeten Soldaten zu binden. So kamen wir vor allen anderen, die am Ufer zurückbleiben mussten, über den Fluss.
In einem Lager im Danziger Hafen warteten wir auf einen Schiffstransport nach Swinemünde. Als wir dann endlich auf einem Schiff verladen waren, mussten wir wegen schlechten Wetters wieder in das Lager zurück. Bei der neuerlichen Abfahrt hatte meine Großmutter neue Beschwerden. Die Verantwortlichen für das Schiff lehnten es ab, die sterbende alte Frau auf der Fahrt mitzunehmen – ob das Schiff durch die verminte Ostsee je Swinemünde erreicht hat, weiß ich nicht – und schlugen uns vor, sie in ein Danziger Krankenhaus einzuliefern.
Wir nahmen uns ein Zimmer und meine Tante machte in der chaotischen Zeit den verzweifelten Versuch, durch eine Zeitungsannonce meinen Onkel zu finden. Und tatsächlich stand er eines Tages vor unserer Tür.
Einer vertrauenswürdigen Schwester gaben wir Geld und verabschiedenden uns von der Großmutter. Ihre Tochter und den Schwiegersohn erkannte sie nicht mehr. Mich nannte sie aber lächelnd mit dem Kosenamen „Friedl“. Dieser Augenblick wird mir unvergesslich bleiben. Meine Großmutter hat mir mit ihrem Sterben mehrfach das Leben gerettet.
In dem brandenburgischen Dorf Läsikow haben wir uns glücklich alle wiedergefunden.
Als im Jahre 1966 die Reise nach Polen möglich wurde, bin ich sofort mit meiner Frau mit dem Auto nach Danzig gefahren. Wir trafen die mir bekannte Krankenschwester an und sie erzählte uns, dass meine Großmutter wenige Tage nach unserem Abschied gestorben sei, eingeäschert und auf dem Friedhof in der Nähe des Krankenhauses beigesetzt worden sei. Nun habe ich erfahren, dass dieser Friedhof eingeebnet worden ist und auf diesem Gelände das neue Danziger Opernhaus gebaut wurde.
Vor einem Jahr habe ich dem Intendanten des Danziger Opernhauses einen Brief geschrieben, von Freunden in feinstem Polnisch verfasst. Ich bat ihn um die Aufführung meiner Opernfassung „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, die 1985 anlässlich der neuerbauten Semperoper in Dresden uraufgeführt und neben vielen Aufführungen in der Bundesrepublik auch in New York, London, Wien, Turin und St. Petersburg aufgeführt wurde. Auch eine konzertante Aufführung wäre möglich, so wie diese auf der CD aus dem Schleswig-Holstein-Musikfestival zu hören ist.
Zum Andenken an meine Großmutter möchte ich sehr gerne, dass im Danziger Opernhaus eine Oper von mir erklingt, damit meine Großmutter einmal Musik von mir „hört“.
Leider habe ich bis heute keine Antwort auf meinen Brief erhalten.    Siegfried Matthus

Veröffentlicht am 29.05.2019
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