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Ein Symbol der Aussöhnung

Trauerfeier für den verstorbenen Osteroder Kreisvertreter Dieter Gasser in wiederaufgebautem Gotteshaus
Die wiederaufgebaute Kirche in Marienfelde Foto: Uwe Dempwolff

Am 8. Juli fand in der Kirche Marienfelde im Landkreis Osterode ein feierlicher Gottesdienst zum Gedenken an den langjährigen Kreisvertreter der Kreisgemeinschaft Osterode, Dieter Gasser, statt. Dieser war im Januar verstorben und seine Familie hatte anstelle von Blumen um Spenden für die Kirche in Marienfelde gebeten. Die eingegangene Summe rundete die Kreisgemeinschaft auf 2000 Euro auf, die Kreisvertreter Burghard Gieseler am Ende des Gottesdienstes symbolisch überreichte.
Im Jahr 1982 war während eines Gewitters ein Baum auf das Dach der Kirche gestürzt, die in den folgenden Jahren zu einer Ruine verfiel. Zu Beginn dieses Jahrhunderts wurde die Dorfkirche Marienfelde unter der Federführung von Dieter Gasser wiederaufgebaut. Die Kreisgemeinschaft Osterode übernahm maßgeblich die Materialkosten, während die Arbeit im Wesentlichen von dem in Marwalde gelegenen Obdachlosenheim Makot geleistet wurde.
Der Gottesdienst, an dem neben dem Bürgermeister der Landgemeinde Osterode auch der Marschall von Ermland und Masuren, Gustaw Marek Brzezin, teilnahm, wurde vom Fernsehen übertragen. Pfarrer Kopacz und Superintendent Eggert gestalteten den Gottesdienst mit viel Empathie und Liebe. So stand auf dem Altar ein Foto von Dieter Gasser, neben dem zu Beginn der Feier eine Kerze entzündet wurde.
Fernsehen übertrug Gottesdienst
In seiner Ansprache führte Gieseler Folgendes aus:
„Sehr geehrter Herr Pfarrer Kopacz, sehr geehrter Herr Superintendent Eggert, sehr geehrter Herr Marschall Brzezin, sehr geehrter Herr Bürgermeister der Landgemeinde Osterode Fijas, liebe Gemeinde. Auch wenn Sie diese Kirche bestimmt besser kennen als ich und die hier an der Kirchenwand hängende, von Dieter Gasser verfasste Tafel schon oft gelesen haben, halte ich es doch für angemessen, dass ich Ihnen den Text noch einmal vortrage, um den Verstorbenen gewissermaßen selbst zu Wort kommen zu lassen. Anlässlich der Wiedereinweihung der Kirche im Jahr 2006 formulierte Dieter Gasser:
,Die Stadt und der Kreis Osterode Ostpreußen, diese herrliche Landschaft mit ihren Wäldern, Fluren und Seen, Städten und Dörfern, war mehr als 600 Jahre unsere und unserer Vorfahren Heimat. Wir mussten sie in der Mitte des 20. Jahrhunderts im Inferno am Ende des Zweiten Weltkrieges verlassen. Viele unserer Landsleute verloren damals ihr Leben. Wir gedenken ihrer in Trauer.
Wir Überlebenden wurden in alle Gegenden westlich der Oder zerstreut. Hier haben wir mit Erfolg am Wiederaufbau des Landes mitgearbeitet und unser neues Lebensumfeld, manche von uns auch in anderen Ländern, gefunden. In unseren Herzen aber lebt die Liebe zu unserer Heimat weiter. Die Verheißung der Gnade Gottes und seines Friedens bleibt unsere Zuversicht.‘
Am 5. Januar verstarb Gasser nach langer schwerer Krankheit fern der geliebten Heimat im Alter von 85 Jahren. Er wurde am 20. Juni 1934 in Osterode/Ostpr. geboren und verlebte seine Kindheit in der Luther-von-Braunschweig-Straße, besuchte zunächst die Jahnschule und später den – letzten – Sextanerjahrgang des Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums. Am 20. Januar 1945 musste er mit seiner Familie vor der herannahenden Roten Armee die Flucht antreten.
Gasser hat Flucht und Vertreibung bis zuletzt nicht verwunden. Denn der Verlust der Heimat ist eine blutende Wunde, die niemals aufhört zu schmerzen. Doch wie kam es zu der engen Beziehung von Gasser zu der Kirche Marienfelde?
Im Jahr 1324 wurde das Dorf Marienfelde gegründet und sogleich begannen seine Bewohner, Feldsteine zu sammeln, um in den Jahren 1386/87 diese Kirche zu errichten. In den folgenden sechs Jahrhunderten gingen die Menschen des Dorfes hier zum Gottesdienst, heirateten, ließen ihre Kinder taufen und konfirmieren und beweinten im Glauben an die Auferstehung ihre Lieben. Das Leben war hart, wie die vielen Kindergräber auf dem Kirchfriedhof noch heute bezeugen. Und immer wieder wurde das Land von Seuchen und Kriegen heimgesucht. Der furchtbarste aber traf das Dorf im Januar 1945, als die Hölle auf Erden über das Land hereinbrach.
Im Jahr 1982 fiel während eines Gewitters ein Baum auf das Dach der Kirche und zerstörte es. In den folgenden Jahren verfiel die Kirche zusehends und als Prof. Steiner, von dem ich Sie ebenfalls herzlich grüßen soll, Ende der 90er Jahre erstmals die Ruine sah, konnte er sich kaum vorstellen, dass es gelingen könnte, die Kirche Marienfelde wiederaufzubauen.
Doch das Wunder geschah. Viele halfen mit und ich will hier niemanden namentlich hervorheben. Mit einer Ausnahme: Ohne das Obdachlosenheim „Markot“ in Marwalde wäre der Wiederaufbau der Kirche nicht möglich gewesen. Denn von ihm ging seinerzeit die Initiative aus, und seine Bewohner stellten ihre Arbeitskraft und ihr fachliches Können unentgeltlich zur Verfügung. Auch unsere Kreisgemeinschaft, also der Zusammenschluss der früheren Einwohner des Landkreises, griff damals tief in die Tasche.
So wurde die Kirche Marienfelde von Deutschen und Polen gemeinsam wiederaufgebaut. Dadurch wurde sie zu einem leuchtenden Symbol der Aussöhnung und des Friedens. Diese – im wahren Sinne des Wortes – wunderbare Wiederaufbauleistung hat das enge Verhältnis Dieter Gassers zu dieser Kirche begründet.
Nach dessen Tod hat seine Familie in der Traueranzeige darum gebeten, anstelle von Blumen für die Kirche Marienfelde zu spenden. Auf diese Weise sind 1880 Euro zusammengekommen, die unsere Kreisgemeinschaft auf 2000 Euro aufgerundet hat. Ich habe nun die große Ehre, Ihnen, Pfarrer Kopacz, diesen Betrag zu überreichen.“
Superintendent Eggert griff in seiner Predigt diese Ansprache des Kreisvertreters auf und unterstrich insbesondere den symbolischen Wert der Kirche Marienfelde für die Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen und für den Frieden.
Am Ende des Gottesdienstes wurde die neben dem Foto von Dieter Gasser stehende Kerze gesegnet, gelöscht und dem Kreisvertreter mit der Bitte überreicht, sie an die Witwe des Verstorbenen weiterzugeben. B. G.

Veröffentlicht am 09.09.2020
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