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Sonntag, 26. Mai 2019

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Integration ohne Identitätswechsel

Vor 285 Jahren erließ der Soldatenkönig das Preußische Einladungspatent für die Salzburger Protestanten
Sie stand am Anfang der Reise: Die Vertreibung aus Salzburg Bild: CF

Am 2. Februar 1732 erklärte der preußische König, die von Erzbischof Leopold Anton von Firmian vertriebenen evangelischen Salzburger in seinem Land aufnehmen zu wollen. Die Gegend östlich von Gumbinnen in Ostpreußen war durch eine Pest stark entvölkert, sodass neben humanitären Gründen und der Idee der Toleranz gegenüber allen Religionen auch die Anwerbung von Arbeitskräften eine Rolle spielte.

Wie im gesamten Heiligen Römischen Reich kam es auch in Salzburg um 1500 zu einem allgemeinen religiösen Niedergang. Deutlich wurde das nicht zuletzt in den Lebensgewohnheiten der geistlichen Würdenträger. Ein weiterer Grund, sich gegen die bestehenden Verhältnisse aufzulehnen, hatte insbesondere die bäuerliche Bevölkerung: Es waren die ständig wachsenden Abgaben, die an das Erzbistum und an die katholische Geistlichkeit geleistet werden mussten. Daher war es nicht überraschend, dass die Gedanken der Reformation auch hier schnell Anhänger fanden.
Studenten aus Wittenberg brachten die neuen Lehren von Martin Luther bereits 1520 nach Salzburg. Bald fanden sich an vielen Orten Priester, die in der Sprache des Volkes predigten. Die ländliche Bevölkerung war in der Zeit bis 1560, von Ausnahmen abgesehen, lutherisch geworden. Trotz mancherlei zum Teil sehr rigider Versuche, die Protestanten einzuschüchtern, blieben sie auf dem Land weitgehend unbehelligt. In den Gebirgsauen hatten sich im Unterschied zum flachen Land evangelische Gemeinden gebildet. Private Hausandachten und gemeinsame Messen an abgelegenen Orten erschwerten die Verfolgung durch die Obrigkeit. Nach außen spielte man zum Teil den guten und frommen Katholiken, sodass von einem Geheimprotestantismus gesprochen wurde. Zunehmend mehr bekannte man sich aber auch offen zu seinem Glauben.
Praktisch wurde das ganze Land „inner Gebürg“ evangelisch. Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 wurde zwar die freie Religionsausübung zugesichert, der Druck der katholischen Kirche auf die Abtrünnigen aber blieb. Bestärkt durch jene Regelung leisteten die evangelischen Salzburger entschiedenen Widerstand. Der Glaubenskampf eskalierte, als der Salzburger Erzbischof Leopold Anton von Firmian im Jahr 1727 die Regierungsgeschäfte übernahm. In seinem Auftrag wurden im Land Religionsverhöre durchgeführt, um gegen das „Ketzertum“ vorzugehen. Am Reformationstag des Jahres 1731 erging das Emigrationspatent, in dem er die gruppenweise Vertreibung (jeweils 200 bis 300 Personen) der vom katholischen Glauben abgefallenen Salzburger anordnete. Am 24. November 1731 begannen österreichische Soldaten mit der Austreibung. Es ging dem Erzbischof offenbar nicht in erster Linie darum, seine Untertanen als Evangelische zu bezeichnen, sondern sie als sektiererische Rebellen hinzustellen. Nicht wegen ihrer Religion, sondern wegen Rebellion und Störung des allgemeinen Friedens sowie Empörung gegen den rechtmäßigen Landesfürsten seien sie auszuweisen. Als Evangelische hatten sie das Recht, gemäß den Regeln des Westfälischen Friedens, binnen drei Jahren einen freien Abzug vorzunehmen. Als Aufständische war ihnen dies wegen ihres angeblich aufrührerischen Verhaltens verwehrt.
Die sogenannten Unangesessenen wie Tagelöhner und Bergleute, insgesamt über 4100, hatten das Land in sieben Zügen jeweils binnen acht Tagen nach Aufforderung zu verlassen; das Patent war am 11. November 1731 im ganzen Land angeschlagen worden. Für die Ausweisung der Angesessenen, also Personen mit Grundbesitz, wurde der 24. April 1732 festgelegt. Nach jenem Tag wurden die über 14000 Angesessenen in 16 Züge eingeteilt, die jeweils an einem anderen Termin das Land zu verlassen hatten, der letzte am 6. August 1732. Die Emigranten mussten sich bei den zuständigen Stellen registrieren lassen, sodass Listen mit Namen und Herkunft bestehen.
Die Knechte und Mägde hatten mittellos und ohne festes Reiseziel ihre Heimat verlassen müssen. Die Angesessenen konnten wenigstens einen Teil ihrer Habe auf Fuhrwerken mitnehmen; das Ziel ihrer Reise kannten sie nur vom Namen. Für ihre Güter hatten sie in der kurzen Zeit meist keine Käufer gefunden. Sie mussten darauf vertrauen, dass der preußische König ihnen zum Erlös für ihr zurückgelassenes Eigentum verhelfen würde.
Der größte Teil der Emigranten zog nach Preußen, die Dürrnberger in die Niederlande, vorwiegend auf die damalige Insel Cadzand, einige hundert Salzburger setzten nach Nordamerika über. Sie gründeten den Ort Ebenezar in der damals noch britischen Kolonie Georgia.
Die 16 Züge der Angesessenen sind auf unterschiedlichen Routen durch die verschiedenen Territorien nach Preußen geführt worden, weil nicht immer dieselben Städte mit der Beherbergung der Emigranten belastet werden sollten. Vielerorts wurde der Wunsch geäußert, die Ausgewiesenen bei der Durchreise aufzunehmen. Ihre Glaubensstärke und ihr Mut waren bekannt geworden und hatten in der Bevölkerung zu großer Sympathie geführt. Bei ihrem Empfang wurden häufig Gottesdienste abgehalten. Anders sah es bei der Durchreise durch katholisches Gebiet aus. Hier kam es auch zu Übernachtungen im Freien und zur Verweigerung von Futter für die Pferde. Berichte von den Aufenthalten an den einzelnen Orten beschreiben die Trecks, die man fast einen Triumphzug nennen konnte. Das darf allerdings nicht über die Beschwernisse der Reise hinwegtäuschen, bei der es auch zahlreiche Tote zu beklagen gab.
Den „Exulanten“, wie man sie in der Sprache jener Zeit nannte, wurde Verpflegungsgeld zugesagt, die Trecks wurden von preußischem Personal organisiert und begleitet. Emigranten mit Pferd und Wagen wählten den Landweg von Berlin; die anderen gelangten von Stettin aus mit Schiffen nach Königsberg. Die Reise dauerte im Durchschnitt knapp vier Monate.
Insgesamt kamen mehr als 15000 Menschen aus dem Salzburger Land in Preußen an. Von ihnen zogen rund 12000 nach Gumbinnen, wo die ersten am 17. Juni 1732 eintrafen. Bis zu ihrer festen Ansiedlung, der Wiederbesetzung (Rétablissement) freier Hofstellen, mussten viele zunächst als Untermieter bei verschiedenen Einwohnern der Stadt unterkommen oder die Zeit bei Bauern auf den Dörfern verbringen. Als Quartiergeld (Miete) erhielten die Wirte zwei Taler pro Familie; jedes Salzburger Familienoberhaupt bekam zehn Taler und zwölf Groschen, um sich für den Winter den erforderlichen Unterhalt beschaffen zu können, „wovor man in Preußen, allwo alles sehre wohlfeil ist, seinen guten Unterhalt hat“. Waren während der Reise bereits 800 Personen den Strapazen erlegen, so steigerte sich dies nach der Ankunft noch: Fast ein Viertel der Eingewanderten, vor allem Kinder, starb während der ersten beiden Jahre.
Soweit die Salzburger noch nicht endgültig angesiedelt werden konnten, waren sie zunächst zur Untätigkeit verdammt. Dies führte bei der einheimischen Bevölkerung zu Unwillen und Ärger. Für die Eingewanderten veränderte sich die Gemütslage insofern, als sie bisher bei ihrem Zug von der Bevölkerung mit Freude und Hochachtung empfangen worden waren. Jetzt galt es, eine neue Existenz zu schaffen. Das andere Klima, einsetzende Krankheiten, vermehrte Todesfälle verdeutlichten ihnen den eingetretenen Verlust ihrer bisherigen Umgebung und Heimat. Dies brachte Missmut und auch Widerspenstigkeit auf der einen Seite und Klagen darüber auf der anderen mit sich. Eine Beruhigung bewirkte die sehr intensive Religionsausübung. Sie gab den Ankömmlingen Halt und Orientierung.
Hauptansiedlungsgebiete waren die Kreise Stallupönen, Pillkallen und Ragnit, also der östliche Teil des Landes, der damals als Preußisch-Litthauen bezeichnet wurde.
Jeder Einwanderer blieb, was er gewesen war. Die Bauern erhielten an Grundbesitz etwa so viel wie sie in ihrer Heimat besessen hatten, dazu ein Wohnhaus mit den nötigen Wirtschaftsgebäuden und Geräten. Von Abgaben waren sie für die ersten drei Jahre befreit. Die größeren Bauern bekamen als Geschenk des Königs vier Ochsen, drei Kühe, einen Wagen, einen Pflug und Egge, Sielen und Zäume für vier Pferde, eine Sense, und zur Aussaat zehn Scheffel Roggen, 18 Scheffel Gerste, 40 Scheffel Hafer und zwei Scheffel Erbsen. Die kleineren Bauern erhielten durchschnittlich die Hälfte der Aussaat und des Viehbestandes, Handwerker freie Wohnung, Gärten und kleinere Äcker.
Die „Sesshaftmachung“, wie die Ansiedlung genannt wurde, bereitete den Betroffenen, aber auch den königlichen Beamten oft große Probleme. Zwischen den Alpentälern des Salzburger Landes und den schwierig zu bewirtschaftenden Ländereien in der neuen Umgebung bestand ein erheblicher Unterschied. Der als starrköpfig bezeichnete Sinn der Einwanderer lehnte sich gelegentlich gegen die straffe, keinen Einspruch duldende preußische Ordnung auf. Jährlich wurden Berichte über das „Betragen und Gebahren der Salzburger“ vorgelegt. In einem ist davon die Rede, „die meisten seien zum Zorne geneigt, lassen sich aber mit Güte bald wieder besänftigen“, in einem anderen, dass sie sich gegenüber den Anfängen bedeutend gebessert hätten. Andere Berichterstatter erklärten, sie wüss­ten absolut keine Fehler von den Salzburgern anzugeben. Das aus den Einzelberichten für den König zusammengestellte „Generalurteil“ fällt denn auch sehr positiv aus. Wörtlich heißt es: „In der Wirtschaft sind sie fleißig und arbeitsam, halten das ihrige sehr zu Rathe, führen ihre Kinder zur Arbeit an und bezahlen die Abgaben richtig; mit dem Vieh gehen dieselben insbesondere so wirtschaftlich um, daß sie dasselbe mit vielem Fleiß pflegen und warten. Die Äcker bearbeiten sie sehr gut und geben sich alle Mühe, solche mehr und mehr in Cultur zu bringen.“
Die Salzburger waren nach und nach auf verschiedene Dörfer verteilt worden, sodass fast keine geschlossenen Salzburger Siedlungen entstanden. Der Grund lag darin, dass sich bereits nach der Entvölkerung durch die Pest litauische Bauern angesiedelt hatten und Zuwanderer aus anderen Regionen, beispielsweise Schweizer und Nassauer, zuvor zugezogen waren. Weil es zu keiner Ghettobildung kam, haben sie vermutlich auch ihre Mundart nicht bewahren können. Die Angleichung der Sprache geschah offenbar schon nach zwei Generationen, nämlich bei den Enkeln der eingewanderten Großeltern. Während bekannt ist, dass mancherorts bei geschlossenen Ansiedlungen deutschsprachiger Auswanderer der Dialekt über Jahrhunderte erhalten blieb, ist er bei den Salzburgern verloren gegangen. Sie sprachen schließlich das unverwechselbare Ostpreußisch, obwohl sie einen unverkennbaren Hang zu einem Zusammenhalt untereinander pflegten. Dieser führte immerhin dazu, dass sie nicht nur eigene Schulen gründeten, sondern auch besondere Pfarrgemeinden mit eigenen Pfarrern hielten. Schon auf der Reise von Berlin nach Ostpreußen waren den Einwanderern junge Prediger mitgegeben worden, die nach den damals neuen Ideen des Pietismus in Halle ausgebildet worden waren. Kern der Lehre war die Bewährung des Menschen in täglicher Arbeit für seine Mitmenschen und der Nutzung der dem Menschen geschenkten Zeit. Barmherzigkeit und Nützlichkeit, Frömmigkeit und Fleiß waren bestimmende Elemente des täglichen Lebens. Die Salzburger waren regelmäßige Kirchgänger. Die Strenge und Schlichtheit der Lebensweise, gelegentlich bis zur Kargheit betrieben, war auch in der sehr zurückhaltenden Ausstattung der Kirchen erkennbar.
Die „Salzburger“, wie sie genannt wurden, haben nach dem ersten Erschrecken über eine Umwelt, die sich von ihrer Heimat so extrem unterschied, rasch zu einem Gefühl der Landeszugehörigkeit gefunden, aber dennoch ihr Gruppenbewusstsein bewahrt. Was modernen Industriegesellschaften so schwer fällt, eine Integration von Zuwanderern, die nicht auf einem Identitätswechsel beruht, gelang im damaligen Preußen. Die Herkunft und das Wissen, dass die Vorfahren ihres Glaubens wegen standhaft geblieben sind und viel Mühsal auf sich genommen haben, war ein fester Bestandteil des Bewusstseins, wie es von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Dazu gehörte auch das Interesse an dem Land, das vor der Ausweisung über Jahrhunderte die Heimat der Vorfahren war.    
    George Turner

Veröffentlicht am 20.01.2017
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