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Sticken, Stricken und Weben in Ostpreußen

Die Landsmannschaft Ostpreußen lud Frauen der Deutschen Minderheit zur 15. Werkwoche in Allenstein ein
Einmal Pause von der Arbeit: Uta Lüttich (1. v.l.) leitete die Veranstaltung Bild: E.G.

Zum 15. Mal fand in Allenstein die Werkwoche der Landsmannschaft Ostpreußen statt. Diesmal trafen sich die Frauen aus verschiedenen deutschen Vereinen im Haus Kopernikus, dem Sitz der Allensteiner Gesellschaft Deutscher Minderheit (AGDM) vom 26. Mai bis 2. Juni.

Die 26 Teilnehmerinnen der Veranstaltung wurden in Gruppen aufgeteilt. Sie konnten wählen zwischen Sticken, Stricken oder Weben. So wie in den vorigen Jahren übernahm Uta Lüttich, die Bundesvorsitzende der ostpreußischen Frauenkreise, die Leitung. Die Werklehrerinnen waren Gud-run Breuer, die Sticken und Stricken anbot, und Liesa Rudel, die für Weben verantwortlich war.
Das Hauptziel der Werkwoche ist, die alten ostpreußischen Handarbeitstechniken an die nächsten Generationen weiterzugeben. Neben den Frauen, die regelmäßig an der Veranstaltung teilnehmen, erschienen auch neue Gesichter, die eifrig neue Methoden erlernten. Die Lehrerinnen zeigten Schritt für Schritt alle Techniken und erklärten mit viel Geduld jeder Teilnehmerin, was sie genau machen musste, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen.
Die Mitglieder der deutschen Vereine im südlichen Ostpreußen arbeiteten fleißig wie die Ameisen. Einige konkurrierten sogar miteinander, wer das schönste und anspruchsvollste Muster hinbekomme. So entstanden wahre Kunstwerke, die in Form einer Ausstellung am Ende der Werkwoche präsentiert wurden. Das Publikum konnte unter anderem doppelt gestrickte Handschuhe und Mützen, weißgestickte Tischdecken, Jostenbänder und selbstgewebte Taschen bewundern.
Uta Lüttich bereicherte die Werkwoche an einem Abend mit einem Vortrag über „Ostpreußische Bräuche im Jahreswechsel“. Sie schilderte Ostpreußen als Raum, der im Mittelalter durch Mönche, Ritter, Bürger, Kaufleute und Bauern dem Christentum und der abendländischen Kultur besiedelt wurde. Diese Siedler, die aus Flandern, dem Niederrhein, der Pfalz kamen, als Salzburger oder Hugenotten übersiedelten, waren  alle Träger der Kultur des Abendlandes, seiner Wirtschafts- und Lebensweise. Sie schmolzen im Laufe der Jahrhunderte zu einer festen Lebens- und Schicksalsgemeinschaft zusammen, pflegten Sitten und Brauchtum, die das „Auf und Ab“ der politischen Geschehnisse überdauerten.
In Ostpreußen war der Lebensrhythmus der Natur und den Jahreszeiten untergeordnet, und so waren es auch die Sitten und Bräuche. Im Winter feierte man Weihnachten, das vom Advent eingeleitet wurde. Das in Süd- und Westdeutschland übliche Faschings- und Karnevalstreiben wurde in Ostpreußen nicht begangen, obwohl es in den Städten um diese Zeit Kostümfeste gab. Die Osterzeit steckte voller liebenswerter Bräuche. Jeder Tag der Karwoche hatte seinen eigenen Namen: Auf „Blaumontag“ und „Weißdienstag“ folgte der „Krummmittwoch“. An diesen Tagen sollten möglichst keine Pflanzen gesetzt, neugeborene Jungtiere nicht zur Zucht genutzt und die Eier dieses Tages nicht zum Ausbrüten verwendet werden. Ganz anders der Gründonnerstag: Er galt als segenspendender Tag. Dass gerade um die Osterzeit dem Wasser heilsame Kräfte zugesprochen wurden, zeigte der Osterwasserbrauch.  
Wie in vielen Teilen Deutschlands, so stand auch in Ostpreußen das Pfingstfest im Zeichen der Freude über das neu erwachte Grünen und Blühen in der Natur. Überall wurden sinnbildlich Häuser und Stuben mit „Pfingstlaub“, frischen Birkenzweigen, aber auch Linden- oder Rotbuchenlaub geschmückt. Diese Zeit, in der die ganze Welt nach den Worten des ostpreußischen Dichters Arno Holz „Wie ein Blumenstrauß ausschaute“, wurde als Beginn der kommenden sommerlichen Jahreszeit und inniger, zuweilen auch temperamentvoller Freude begangen.
Vielfältig war in Ostpreußen das Brauchtum, das sich um die Ernte rankte. Der Erntedank kündigte sich rund um den Jakobitag, also im Juli, mit einer Fülle von altüberlieferten Bräuchen an. In vielen Gegenden glaubte man, in die letzten Halme des letzten Feldes ziehe sich die „Roggenmuhme“ oder „Kornmutter“ zurück, eine dämonische Gestalt, deren Kraft mit dem Schnitt des Kornes gebrochen werden musste. Fast überall in Ostpreußen aber band man aus den zuletzt geschnittenen oder aufgesammelten Ähren die Erntekrone, die am letzten Erntetag dem Gutsherrn feierlich überreicht wurde. Statt der Erntekrone wurde im südlichen Ostpreußen, in Gebieten mit reinem Roggenanbau, aus der letzten Garbe der sogenannte „Plon“ gebunden. Zwischen Erntedank und Allerheiligen und dem Reformationsfest gab es noch mancherlei zum Feiern, zum Beispiel gab es viele Hochzeiten auf dem Lande. So sorgte man denn auch fleißig für die Aussteuer, es wurde geknüpft, gewebt (Doppelgewebe) und gestickt. Manch Bauernteppich wurde für die Braut geknüpft.
Auch wenn früher in vielen Familien noch gewoben wurde, ist heute das kunsthandwerkliche Weben so gut wie ausgestorben. Die einzige Hoffnung, dass diese alten Handarbeitstechniken überleben werden, sind solche Veranstaltungen wie die Werkwoche. Vielleicht werden die Großmütter und Mütter ihren Kindern und Enkelkindern, die oft ihre Freizeit am Computer oder Smartphone verbringen, an einem langen Herbst- oder Winterabend beibringen, wie man ein Jostenband webt oder wie man Handschuhe, Socken oder einen Schal strickt.
Die Werkwoche wurde mit finanziellen Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien über das Kulturreferat am Ostpreußischen Landesmuseum, Lüneburg, unterstützt.    
    Edyta Gładkowska

Veröffentlicht am 12.06.2019
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