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Niemand hatte das Kleinod erkannt

Vermeintlich verschollenes Gemälde im Hauptaltar der Kirche von Ukta entdeckt
Entdecker und Hausherr mit Kunstwerk: Krzysztof Worobiec (rechts) und der Pfarrer der Kirche von Ukta vor dem Altargemälde „Beweinung Christi“ Bild: Archiv

Krzysztof Worobiec, Vorsitzender des Vereins zum Schutz der Kulturlandschaft Masurens „Sadyba“, hat entdeckt, dass es sich beim Gemälde im Hauptaltar der Kirche von Ukta um ein verschollen geglaubtes Kunstwerk des frühneuzeitlichen italienischen Malers Girolamo Muziano handelt. 

Das 24 Kilometer südöstlich von Sensburg am Kruttinner Fluss liegende masurische Dorf Ukta war bislang vorwiegend durch familiäre Bindungen von Klaus Bednarz bekannt. Vor kurzem machte es unerwartet wegen einer sensationellen Entdeckung Schlagzeilen. Krzysztof Worobiec, Vorsitzender des Vereins zum Schutz der Kulturlandschaft Masurens „Sadyba“, der sich unlängst unter anderem durch seinen persönlichen Einsatz für die Bewahrung der Naturlandschaft Masurens als Sprecher im polnischen Sejm hervorgetan hatte, gelang es festzustellen, von wem das Gemälde im Hauptaltar der Uktaer Kirche stammt. Lange Zeit war man sich in der Öffentlichkeit nicht bewusst, dass die dortige „Beweinung Christi“ ein wertvolles Gemälde des italienischen Malers Girolamo Muziano (1532–1592) ist. Das Kunstwerk von Muziano galt lange als verschollen und war von den Mitarbeitern der Koordinierungsstelle in Magdeburg in die Liste der verschollenen Kulturgüter „Lost Art Datenbank“ eingetragen worden. Worobiec, ein profunder Kenner der ostpreußischen Kulturgeschichte, verglich das ihm sonderbar vorkommende Gemälde während seiner Studienreise durch Italien mit den Werken anderer Meister der italienischen Renaissance, nachdem er die ausführlichen Informationen über die Innenausstattung der Uktaer Kirche gelesen hatte. Aufgrund seiner genauen Betrachtung des Hauptaltars von Ukta kam er zu dem Schluss, dass das in den Kriegswirren verloren geglaubte Bild doch das von Muziano sein müsse. Die Authentizität der „Beweinung“ wurde dann durch entsprechende Untersuchungen von sachkundigen Kunstdenkmalschützern bestätigt. Es handelt sich also um eine Entdeckung in dem Sinne, dass Worobiec das bis dahin eigentlich als wertlos geltende Kunstwerk dem richtigen Schöpfer zuordnen konnte. So kann es nun von der Magdeburger Liste gestrichen werden. Dank dem katholischen Pfarrer Waldemar Sawicki konnte es schnell und fachkundig restauriert werden und erfreut seitdem die Blicke sowohl örtlicher Kirchgänger wie auch anderer Besucher.

Doch nicht nur dem Gemälde im Hauptaltar, sondern dem gesamten Gotteshaus und seiner Geschichte gilt Worobiec’s Interesse. Er forschte und veröffentlichte sowohl über die Entstehungsgeschichte des Sakralbaus als auch über die Frage, wie das Kunstwerk Muzianos nach Masuren gelangte. Dieser Entdecker ähnelt gewissermaßen Alexander von Humboldt, der durch seine emsige Forschungsarbeit quasi zum zweiten Mal die Insel Kuba entdeckte. In der Lokalpresse stellte Worobiec die Geschichte der Kirche akribisch dar. Dieser Darstellung ist zu entnehmen, dass ihr Bau 1860 beschlossen wurde und kurz darauf der Grundstein gelegt wurde. Der Entwurf stammte von Johann Groß, wahrscheinlich unter Mitwirkung des Architekten Friedrich August Stüler. Die Schirmherrschaft übernahm der damalige Prinzregent und Thronfolger Wilhelm Fried­rich Ludwig von Preußen, der spätere Kaiser und König Wilhelm I. Im Jahr 1864 wurde der neogotische Back­steinneubau feierlich eingeweiht. Durch Flucht und Vertreibung sank nach 1945 die Zahl der evangelischen Gemeindemitglieder zusehends. Seit 1981 ist das Haus im Besitz der katholischen Kirche.

In seinem Innenraum fällt eine reiche Ausstattung auf. In der erhaltenen Kirchenchronik ist nachzulesen, dass die Orgel in der Werkstatt des berühmten Orgelbauers Wilhelm Sauer aus Frankfurt an der Oder stammt. Der Unterbau des Altars entstand dagegen in der Tischlerei des königlichen Tischlermeisters C.W. Franke in Berlin. Das Bild selbst, das damals eines der Schaustücke des Königlichen Museums in Berlin war, wurde auf Verordnung König Wilhelms I. in der ostpreußischen Kirche deponiert. Da der Mo­narch um den Wert der „Beweinung“ wusste, gebot er strengstens, das Werk gebührend zu schützen und zu pflegen. Im gegenteiligen Fall sollte es sofort wieder unter die Obhut des Königlichen Museums zu Berlin kommen. In den Ende des 19. Jahrhunderts herausgegebenen Katalogen der Kunstwerke von West- und Ostpreußen wurde bestätigt, dass es in der Uktaer Pfarrkirche ausgestellt und entsprechend behandelt wird. Später geriet es langsam in Vergessenheit, ein Umstand, der sich im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg als günstig für Muzianos Gemälde erweisen sollte. Denn nicht nur im Zweiten, sondern auch schon im Ersten Weltkrieg besetzten die Russen Ukta. Zwar plünderten sie viele wertvolle Gegenstände im okkupierten Dorf, darunter auch mehrere Kunstwerke, doch ließen sie das Bild im Hauptaltar unversehrt, unterstreicht Worobiec. Vielleicht wird seine Entdeckung den vielen Außenstehenden zu einer ernsten Einsicht in die Verflechtung der masurischen Kulturlandschaft mit der deutschen Vergangenheit verhelfen. 

Grzegorz Supady

Veröffentlicht am 15.05.2012
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Kommentare

Wolfgang Thiemann:
9. November 2015, 21:37 Uhr

Ich bin in Ukta 1944 geboren. Habe bereits auch die Kirche besucht, war leider abgeschlossen. Ein erneuter Besuch von mir ist 2016 geplant.


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