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80 Jahre nach der »Reichskristallnacht«

In Königsberg wurde die neue Synagoge feierlich eröffnet
Ungleich bunter und flacher als der Vorgängerbau: Die neue Königsberger Synagoge Bild: J.T.

In Königsberg fand am 9. November ein bemerkenswertes Ereignis statt: Die erste Synagoge der Stadt wurde genau an der Stelle eröffnet, an der sich die in der „Reichskristallnacht“ 1938 zerstörte Königsberger Synagoge befand. Die Eröffnungsfeier wurde genau auf den 80. Jahrestag dieses denkwürdigen Datums gelegt.

Da das historische Datum in großen Schritten näherrückte, konnten einige Arbeiten im Inneren des Gebäudes nicht ganz abgeschlossen werden. Die Fassade ist an einigen Stellen auch noch nicht ganz fertiggestellt, ein Bauzaun steht noch, und die Gestaltung des umgebenden Geländes steht noch aus. Dennoch wurde in der Synagoge eine Ausstellung präsentiert, die über die Geschichte der Synagoge und über die Juden, die sich 1945 auf sowjetischer Seite an der Eroberung Königsbergs beteiligten, erzählt.
Zur Eröffnungsfeier waren 2000 Menschen gekommen. Im Königsberger Gebiet leben etwa 5000 Personen, die sich in der einen oder anderen Weise der jüdischen Gemeinde verbunden fühlen. Aufgrund der großen Menschenansammlung um die Synagoge war die Zufahrt an diesem Tag für den öffentlichen Verkehr gesperrt.
Unter den Gästen befanden sich der Hauptrabbiner Russlands, Berel Lasar, der deutsche Botschafter in Russland, Rüdiger von Fritsch-Seerhausen, der Generalkonsul der Bundesrepublik in Königsberg, Michael Banzhaf, der Gründer der Stiftung für die Wiederbelebung der Synagoge, Wladimir Kazman, sowie Vertreter vieler öffentlicher Organisationen und verschiedener religiöser Konfessionen. Für die feierliche Zeremonie legten sie einen roten Teppich aus. „Schalom dem Feiertag“, rief der Redner. „Schalom“, ertönte es von allen Seiten zur Antwort.
Zunächst wurde eine Thora-Rolle in die Synagoge gebracht – das wichtigste heilige Objekt im Judentum. Dann wurde die Mesusa am Haupteingang installiert, die mit Schrauben und einem Schraubenzieher befestigt wurde. Es handelt sich um eine kleine Schriftrolle mit Ausschnitten aus der Thora. Das Pergament wird in einem speziellen Etui aufbewahrt, das unbedingt am Türpfosten eines jüdischen Gotteshauses befestigt werden muss. Die Mesusa bewacht das jüdische Zuhause und alle, die sich darin befinden.
Der stellvertretende Bevollmächtigte des Präsidenten im Nordwesten der Russischen Föderation, Roman Balaschow, verlas das Grußwort des Chefs der Präsidialverwaltung, Anton Wajno, der sagte, dass die Gerechtigkeit durch die Wiederbelebung der Synagoge in Königsberg wiederhergestellt sei, und daran erinnerte, „zu welchen Folgen Chauvinismus, Nationalismus und religiöse Intoleranz“ führten. Es ist bemerkenswert, dass weder der Gouverneur der Region, Anton Alichanow, noch Königsbergs Bürgermeister Alexej Silanow bei einem für die Region solch bedeutsamen Ereignis anwesend waren. Bei deutlich weniger bedeutenden Ereignissen zeigt häufig die gesamte Führung der Region und der Stadt Präsenz. Der einzige, der an diesem Tag an der Synagoge gesehen wurde, war Vize-Premier Harry Goldmann. Er trug eine blaue Kippa.
An dieser Stelle sei an den Rechtsstreit zwischen den Synagogenerbauern und den Stadtbehörden erinnert. Bei der staatlichen Sachverständigenprüfung des Synagogen-Bauprojekts stellte die Königsberger Verwaltung fest, dass die jüdische Gemeinde keine Erlaubnis zum Bauen habe, da die Arbeit im geschützten Bereich eines architektonischen Denkmals, des Waisenhausgebäudes, durchgeführt werde. Das Rathaus weigerte sich viermal, dem Bauantrag der Synagoge stattzugeben, und reichte Klage beim Bezirksgericht ein. Das Gericht entschied, den Bau der Synagoge bis zur Erteilung einer gültigen Baugenehmigung zu untersagen. Die jüdische Gemeinde legte jedoch Berufung beim Schiedsgericht ein und gewann den Fall.
Zur Eröffnungsfeier waren viele Gäste von außerhalb der Russischen Föderation gekommen. Unter ihnen war auch Erik Braun. Seine Urgroßmutter war gebürtig aus Königsberg und wohnte unweit der Synagoge. Ihrer Familie war es gelungen, sich während der tragischen Ereignisse von 1938 zu retten und in die USA auszuwandern. Braun war während der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft nach Königsberg gereist. Von der Wiedererrichtung der Synagoge erfuhr er rein zufällig am Tag des Spiels zwischen England und Belgien, als er an der entstehenden Synagoge vorbeiging. Da beschloss er, unbedingt zur Eröffnung wieder nach Königsberg zu fahren.
Die neue Königsberger Synagoge erinnert in vielem an die ehemalige, ist aber nicht identisch mit dieser. Sie ist mit 36 statt 46 Metern zehn Meter niedriger als das Original, und ihre Fassade ist aus einem anderen Material. Die Fassade der Vorkriegs-Synagoge war komplett aus Backstein, die neue ist mehrfarbig. Die „Neue liberale Synagoge“ war in den Jahren 1894 bis 1896 in der Lindenstraße gegenüber dem Dom gebaut worden.
Kazman erzählte bei der Eröffnung von Plänen zum Bau eines Hotels und eines Restaurants auf dem benachbarten Grundstück. Auf die Frage, wie viel der Bau der Synagoge ihn gekostet habe, antwortete er ausweichend, stellte aber klar, dass er selbst umgerechnet sechs Millionen Euro für den Bau gespendet habe. Der Wiederaufbau der Synagoge wurde dank zahlreicher Spenden verwirklicht, jeder half im Rahmen seiner Möglichkeiten: Der eine spendete 500 Rubel (zirka sechs Euro), und der 92-jährige Rentner Jakob Suchowolskij finanzierte mit umgerechnet 13000 Euro die Herstellung der Eingangstür.
Im Erdgeschoss der Synagoge befindet sich nun ein Ausstellungssaal, in dem zurzeit eine Ausstellung von der Geschichte der Synagoge erzählt. Im zweiten Stock gibt es Gebetssäle für einige Hundert Besucher. Bald soll es hier eine Schule, einen Kindergarten, weitere Ausstellungen sowie koschere Wohltätigkeitsveranstaltungen geben.        
    Jurij Tschernyschew

Veröffentlicht am 21.11.2018
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Kommentare

Wilhelm v. Humboldt:
22. November 2018, 18:50 Uhr

Beiträge mit dem Begriff "Reichskristallnacht" wurden von Facebook gelöscht. Wie ahistorisch! Nicht die Nationalsozialisten haben den Begriff "Reichskristallnacht" geprägt - es waren die Berliner, oder richtiger: es war die "Berliner Schnauze", die diesen Begriff prägte und hiermit Kritik an diesem unwürdigen Geschehnis zum Ausdruck brachte. Sublime Kritik, selbstverständlich. Wie soll Kritik auch anders aussehen in einer Diktatur? Doch immerhin Kritik. Wer sich also an dem Begriff "Reichskristallnacht" stört, betreibt in Wahrheit nicht das Geschäft der damaligen Kritiker, sondern das Geschäft … der Nazis.


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