Sie sind hier: Ostpreußen
Montag, 21. September 2020

Bildarchiv Ostpreußen

(Zum Vergrößern klicken)

Hier geht's zum Bildarchiv...

Ostpreußen Kalender

September
Mo Di Mi Do Fr Sa So
36 31 1 2 3 4 5 6
37 7 8 9 10 11 12 13
38 14 15 16 17 18 19 20
39 21 22 23 24 25 26 27
40 28 29 30 1 2 3 4

(Klicken Sie auf einen Tag, um die Veranstaltungen zu sehen)

Inkarnation ostpreußischer Bodenständigkeit

Vor 50 Jahren starb Agnes Miegel, die »Mutter Ostpreußen«
An ihrem Schreibtisch: Agnes Miegel Bild: laif

Vor mir liegt ein schmales Büchlein: ein paar dünne Blätter in Schreibmaschinenschrift, mit einer Kordel zusammengehalten, der Umschlag aus Pappe mit Rosendruck. Wenn man es aufschlägt, liest man nur einen Namen: Agnes Miegel.
Jemand hat einige lyrische Werke der Dichterin zu einem Gedichtbändchen zusammengefasst, eine kleine Sammlung von Lieblingsgedichten, so scheint es, aber beim Weiterlesen merkt man, dass es weit mehr ist. „Erinnerung und Dank an Agnes Miegel“ lässt vermuten, dass dieser Jemand eine sehr persönliche Verbindung zu der Dichterin gehabt hat. Und die Bestätigung folgt beim weiteren Lesen der eng beschriebenen Blätter. Sie enthalten ernste wie heitere Episoden aus ihrem Leben, die nur ein Mensch aufzeichnen konnte, mit dem sie eng verbunden war. Und das war sie wohl, die Verfasserin dieser Kurzbiografie, Margarete Hopf, die kurz nach dem Tod der Dichterin am 26. Oktober 1964 diesen so ganz persönlichen Nachruf geschrieben hatte, den sie mit Erinnerungen an die eindrucksvollsten Begegnungen mit der Dichterin 1967 beendete. Ich bekam dieses Büchlein einige Jahre später zu treuen Händen, habe es sicher bewahrt und halte es nun zum 50. Jahrestag ihres Todes für gekommen, einige Aufzeichnungen der Margarete Hopf unseren Lesern und Leserinnen zu übermitteln und damit dem Gedenken an die Dichterin eine sehr eigene Note zu geben. Und so beginnt Margarete Hopf ihre persönliche Gedenkschrift:
„Als die Nachricht vom Tode Agnes Miegels durch Rundfunk und Presse ging, schrieb mir eine jüngere Freundin – keine Ostpreußin! – sie hätte sofort an das wunderschöne Miegel-Gedicht ,Sterbesegen‘ gedacht:
,Sterb’ ich ferne meiner Heimatstadt, / lass es meinen jungen Bruder wissen, / dass ich liege auf dem Totenkissen, / dass mein Weg ein Tor gefunden hat.‘
Und sie fügte hinzu: ,Sie hat nun ein Tor gefunden.‘ Auch ich hatte an dieses Gedicht, das ich besonders liebte, gedacht. In seiner schlichten Art scheint es mir voll und ganz der ostpreußischen Volksseele zu entsprechen. In meinem Glasschrank in Essen hatte ich zwei kleine Urnen aus der preußischen Porzellanmanufaktur stehen, in denen ich Sand von der Hohen Düne in Nidden aufbewahrte. Meine Wohnung fiel dem Bombenhagel zum Opfer, auch die Gefäße mit der ,weißen Wanderdünen Sand‘. So war es mir verwehrt, den Sand nach Bad Nenndorf zu schicken.
,Riesle regenfein in meine Gruft übers Herz der Toten, muschelweißer, / unruhvoller Sand, gebleicht von heißer, / winddurchklungner, herber Heimatluft.‘
Es bewegt mich sehr, dass der letzte Brief, den ich von Agnes Miegel bekam, gerade ein Gespräch über dieses Gedicht enthielt. Meine Miegelbücher waren ebenfalls verbrannt, in der Gesamtausgabe von Diederichs war es nicht enthalten – man erklärte mir dies damals von Verlagsseite mit Platzmangel –, und so versuchte ich, das Gedicht aus dem Gedächtnis zusammenzusetzen und schickte es der Dichterin zur Durchsicht. Sie schrieb, es hätte sie sehr bewegt, dass ich dieses Gedicht fast lückenlos in meinem Gedächtnis gehütet hätte. Und sie fügte hinzu, sie bäte mich, nicht enttäuscht zu sein, dass sie es mir nicht noch einmal vollständig abgeschrieben hätte, aber sie sei jetzt oft sehr müde. Ach, ich war schon sehr beglückt, und ich hüte diese Zeilen wie ein kostbares Vermächtnis.
Das war Ende des Jahres 1962. Ein Jahr später besuchte mich eine Königsberger Freundin. Ich erklärte ihr, dass ich Agnes Miegel schon länger nicht mehr geschrieben hätte, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass sie mir immer am selben Tag, an dem sie den Brief erhält, antwortet. Das wollte ich ihr nicht mehr zumuten. Meine Freundin bezeichnete dies als etwas übertriebene Rücksicht. Wenn ich nicht schriebe, dann würden eben andere die schönen Briefe erhalten. Nun, es sei so. Agnes Miegel gehört nicht mir allein, sondern allen Ostpreußen. Ich habe ihr unendlich viel zu verdanken, da dürfte Rück­sichtnahme durchaus angebracht sein.
Unsere Bekanntschaft war – der ersten Begegnung nach – sehr zurückliegenden Datums. Ich war zehn Jahre alt, als wir im Jahre 1896 von dem Städtchen Allenburg nach Königsberg, Fließstraße 23, zogen. Im ersten Stock wohnte Familie Miegel sehr zurückgezogen. Aber eines Tages trafen wir das junge Fräulein Miegel im Treppenhaus. Sie sprach ein paar Worte mit uns so wie ein 17-jähriges Mädchen mit neunjährigen fremden Kindern spricht. Sie trug ein schwarzes Pelzbarett, aus dem seitlich zwei braune Locken hervorlugten, zu einem dunkelroten Jackenkleid, das mich bezauberte. Später erzählte sie mir, dass dieses Kleid ihr Schrecken gewesen sei, aber als Geschenk einer Tante habe sie es tragen müssen. Bald darauf zog die Familie Miegel aus – zurück zum Kneiphof. Die dunkle Wohnung war für Frau Miegel, die zur Schwermut neigte, zu bedrückend gewesen. Bald erschienen bei Cotta die ersten Gedichte, die wir mit Begeisterung lasen. In der Münzstraße konnten wir bei Gottheil & Sohn ein Porträt der Dichterin bewundern. Das lila Kleid kontrastierte wunderbar zu ihrem kastanienbraunen Haar.
Die erste ,richtige‘ Begegnung mit Agnes Miegel war 1926 in Königsfeld im Schwarzwald. Ich hörte, dass sie auch dort sei, und ließ mich bei ihr melden. Obwohl sie am nächsten Tag abreisen wollte, empfing sie mich auf halb gepack­ten Koffern. Wir sprachen von ,Die Mär vom Ritter Manuel‘, der wundervollen Ballade, die sie – wir sie mir erzählte –, während eines Umzugs auf dem Möbelwagen wartend auf einer Kiste sitzend von Anfang bis zur letzten Zeile in einem Zug auf einen Zettel geschrieben habe. Es wurde ein langes Gespräch, in dem die Dichterin ihr erstes Erlebnis mit der Kunst schilderte, als der damals bekannte Sänger Raimund von zur Mühlen in Königsberg ein Konzert gab. Als Dank schickte ich ihr ein Sonett von Dante in der Übersetzung von Siegfried von der Trenck, den sie persönlich kannte:
,Schönheit ist Geist und Liebe sel’ges Licht, drum muss ein Himmel sein, sie zu bewahren … Ja, Himmel ist ein wunderbarer Ort, da wir gewiss sind, dass wir weiterleben in Ewigkeit …‘
Agnes Miegel schrieb sofort wieder, das Gedicht sei gerade zur rechten Zeit gekommen, sie habe seine Freude sehr nötig gehabt. Dies war der Beginn zu einem Jahrzehnte währenden Briefwechsel, unterbrochen durch Begegnungen in Essen, München und Königsberg. Die Gespräche mit Agnes Miegel gestalteten sich deshalb so wertvoll, weil sie über eine Universalität des Bildungsgutes verfügte. Sie besaß nicht nur ein sehr umfangreiches Wissen über die abendländische Kultur, auch die anderer Völker lagen vor ihr ausgebreitet wie in einem großen Bildband, den sie beliebig an irgendeiner Stelle aufschlagen konnte. Aber neben der Beglückung über die Gespräche war ich in ständiger Sorge um sie wegen der oft bedrückenden Nachrichten über ihre schwankende Gesundheit. Besonders die Reisen und die Leseabende machten ihr zu schaffen. Es kam dazu, dass sie gerade in Westdeutschland, wo man mit dem Namen der großen Balladendichterin beinahe einen Kult getrieben hatte, mit ihren Zuhörern keinen Kontakt finden konnte. ,Ich glaube, man hat sich hier von mir eine andere Vorstellung gemacht‘, sagte sie einmal. Ich gab zögernd zu, dass es vielleicht sein könnte, dass sich die Besucher unter einer Balladendichterin ein ätherisches Wesen vorgestellt hätten. Das sich dann – wie sie selber hinzufügte – als eine Verkörperung ostpreußischer Bodenständigkeit entpuppte, als eine Inkarnation der guten, nahrhaften ostpreußischen Erde.
Aber es gab auch glühende Verehrer, zu denen auch jener junge Studienrat zählte, der Agnes Miegel zu früh in den Dichterhimmel schickte. Er hatte an Morgen des 9. März 1929 wohl sehr flüchtig in die Zeitung geblickt, jedenfalls organisierte er spontan und übereifrig eine Trauerfeier in seiner westdeutschen Mädchenschule. Gedichte wurden aufgesagt, musikalische Umrahmung! Er selbst hielt die Trauerrede, in deren Verlauf er die Geschichte von dem Heiratsantrag eines Professors erzählte, den Agnes Miegel abgelehnt hätte. Er schloss mit den bewegenden Worten: Im Leben konnten sie nicht zusammenkommen, jetzt schreiten sie vereint durch die seligen Gefilde! Während der Feier holte eine Lehrerin vorsichtig eine Zeitung aus ihrer Mappe und stellte mit Schrecken fest, dass hier ein Irrtum vorlag: Es war der 50. Geburtstag! Als ich dies Agnes Miegel erzählte, nahm sie es mit einer Mischung aus Lächeln und Rührung zur Kenntnis.“
Soweit einige Erinnerungen aus dem Gedenkbuch der Margarete Hopf, das mit ihrem Dank an die Verstorbene endet: „Liebe Agnes! Dank für viele schöne Briefe, viel Verständnis, viel Verzauberung. Du gehörst mit zu den Großen, die unsere Heimat geformt und ihr den Charakter der Besonderheit verliehen haben. Wir Ostpreußen danken Dir!“
An ihrem letzten Gang vor nunmehr 50 Jahren hat Margarete Hopf wahrscheinlich nicht teilgenommen, es ist in ihrem Büchlein nichts vermerkt. Aber ich durfte dabei sein in dem langen Zug, der sich auf dem Weg zu dem am Deisterhang in Bad Nenndorf liegenden Friedhof bewegte. Es waren Freunde und Weggefährten, Vertreter von Kultur und Wissenschaft, aber auch viele Landsleute, die sie nie gekannt hatten, für die sie aber das war, was sie noch heute ist und bleiben wird: die Mutter Ostpreußen!   

Ruth Geede

Veröffentlicht am 22.10.2014
Testen Sie die PAZ!

Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 
Zurück