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Abschied vom Ostheim

Nach 57 Jahren hat die Ostpreußen-Heimstätte in Bad Pyrmont geschlossen – Ein Rückblick und ein Ausblick
Stephan Grigat, Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, bedankt sich beim Ehepaar Winkler. Bild: C. Höges

Wichtige Gespräche, bedeutende landsmannschaftliche Weichenstellungen, ergiebige Seminare, fröhliche Runden, heimatliche Gefühle – das und einiges mehr verbinden viele Ostpreußen mit dem Ostheim. Detlef Ollesch, Journalist aus Bad Pyrmont,
blickt auf die fast einhundertjährige Geschichte des Hauses an der Parkstraße Nummer 14 zurück.

Zum Jahresende schließt mit dem Ostheim in Bad Pyrmont eine Institution, die zahllosen Ostpreußen 57 Jahre lang ein Stück Heimat in der Fremde gewesen ist. Sie hat den Gliederungen der Landsmannschaft Ostpreußen günstige Tagungsmöglichkeiten geboten und stellte – seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes – auch eine Begegnungsstätte zwischen den einstigen und jetzigen Bewohnern Ostpreußens dar. Doch die Geschichte dieses Hauses beginnt schon früher: Nach dem Ersten Weltkrieg erwirbt die Offizierswitwe Frieda Freifrau von Hoverbeck, genannt von Schoenaich, in Bad Pyrmont drei Pensionshäuser, um „beschäftigt und finanziell abgesichert zu sein“. Darunter befindet sich auch das Haus Parkstraße Nummer 14. Im Jahr 1923 war es unmittelbar am damaligen Stadtrand vom einheimischen Architekten Otto Mogk gebaut worden. Dieses Haus wird von ihr „Haus Schönblick“ genannt und von einer Hausdame, die im Untergeschoss wohnt, geleitet.
Auf dem Grundstück befinden sich zu der Zeit neben dem in Fachwerkbauweise erstellten Hauptgebäude mit seinem fast quadratischen Grundriss (heute der Gebäudeteil links vom Haupteingang) noch Stallungen, in der eine Kuh und Schweine sowie Hühner zur Versorgung der durchweg in Vollpension befindlichen Hausgäste untergebracht waren. Die heute südlich an das Grundstück grenzende Umgehungsstraße wird erst in den 1930er Jahren gebaut.
Frieda von Schoenaich stirbt im Jahr 1937. Ihre Tochter Camilla Stöver verkauft 1938 zwei der Pensionshäuser, darunter das „Haus Schönblick“ an den Fastenarzt Otto Buchinger. Den Erlös teilt sie mit ihrem Bruder, Kuno Freiherr von Schoenaich, der in jenen Jahren in Königsberg eine Niederlassung der Firma Telefunken betreibt. Letzterer soll Jahre später – in der Endphase des Zweiten Weltkrieges – zeitweise Festungskommandant der Marienburg an der Nogat werden.
Der neue Eigentümer des Gebäudes, der promovierte Mediziner Otto Buchinger, hatte es bei der Kaiserlichen Marine bis zum Chefarzt der Quarantäne im Festungslazarett Cuxhaven gebracht, aber noch während des Ersten Weltkrieges aus gesundheitlichen Gründen seinen Abschied vom Militär genommen. Bereits während seiner langen Jahre als Sanitätsoffizier war er durch eigenes Erleben zum entschiedenen Gegner von Alkohol- und Tabakkonsum geworden und hatte schließlich den Plan zur Gründung eines Lebensreform-Sanatoriums gefasst. Diesen Plan setzt er dann ab 1919 im hessischen Witzenhausen, wo er an der Kolonialschule als Teilzeit-Dozent Tropenhygiene unterrichtet, in die Tat um. Nach 1933 bekommt er jedoch zunehmend Schwierigkeiten mit den neuen Machthabern in der Stadt und beschließt, seine Klinik zu verlegen. Das neue Domizil an der unteren Hauptallee in Bad Pyrmont bezieht er am 2. Januar 1936. Die Patientenzahlen steigen schnell. So kommt es zu dem oben erwähnten Kauf des Hauses Parkstraße Nummer 14, das er kurz darauf durch den Anbau eines neuen Bettentraktes (heute der mittlere und größte Teil des Ostheimes) wesentlich erweitert und in „Wiesenhaus“ umbenennt. Im Untergeschoss des Altbaus wird ein kleines Labor eingerichtet, das durch einen separaten Eingang betreten werden kann, der sich noch heute unmittelbar neben dem an der Wand angebrachten Ostpreußen-Relief befindet.
Der Zweite Weltkrieg bringt zunächst sinkende Patientenzahlen, die im Verlauf des Krieges jedoch wieder ansteigen. Aber Drangsalierungen durch die braunen Machthaber, zunehmende Mangelwirtschaft und zuletzt die Beschlagnahme der Gebäude, die zu Lazaretten umfunktioniert werden, setzen dem Buchingerschen Kurbetrieb zu. „Am 7. Dezember 1944 wurde auch mein ‚Wiesenhaus‘ beschlagnahmt. Jetzt blieb mir nur noch das Haupthaus mit seinen 20 Betten“, schreibt Buchinger in seinen Lebenserinnerungen.
Verwundete und schwerkranke Soldaten bevölkern ab jetzt das Gebäude. Das ändert sich auch nicht, als am 5. April 1945 amerikanische Truppen Bad Pyrmont besetzen. Erst 1949 (nach anderen Quellen bereits 1946) werden die Häuser nach langen Verhandlungen mit den Behörden „zurückerobert“. Das Wiesenhaus befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. Es fehlen sogar die Vorhänge vor den Fenstern und ein Teil der Sanitäranlagen.
Die Buchingers lassen einen weiteren Anbau erstellen, in den sie selbst einziehen. Es handelt sich um den westlichen Teil des Komplexes, in dem sich heute der Speisesaal und die Heimleiter-Wohnung befinden.
Die veraltete technische Ausstattung, das Fehlen einer modernen Badeabteilung und der mit dem zunehmenden Verkehr auf der Südstraße verbundene höhere Lärmpegel führen Ende der 1950er-Jahre schließlich zur Verlegung der Buchinger-Klinik in neue Gebäude am Waldrand. Die Deutsch-Baltische Landsmannschaft (DBL, heute: Deutsch-Baltische Gesellschaft) und die Landsmannschaft Ostpreußen (LO) erwerben das Wiesenhaus für 290000 D-Mark. Der zwei Jahre zuvor von den beiden Vertriebenenorganisationen gegründete Verein „Ostheim e.V.“ betreibt das in „Ostheim“ umbenannte Gebäude seitdem als Jugendbildungs- und Tagungsstätte.
Bis zum Ausscheiden der DBL aus dem Verein im Jahr 1963 wenden die beiden Landsmannschaften für Grundstückzukäufe und weitere Investitionen noch einmal 110000 D-Mark auf. Die gegenwärtige Größe des Grundstücks beträgt 1916 Quadratmeter. Bereits im Jahr 1959 ist das Haus an 300 Tagen im Jahr belegt, davon an 200 Tagen durch Jugendveranstaltungen. Von 1959 bis Anfang der 1980er Jahre werden viermal jährlich die jeweils fünftägigen „Gesamtdeutschen Staatspolitischen Bildungsseminare der Landsmannschaft Ostpreußen“ veranstaltet – bezuschusst aus Bundesmitteln. Überhaupt sind staatliche Zuschüsse bis zum Ende der Regierung Kohl 1998 eine der finanziellen Säulen ostdeutscher Kulturarbeit.
1969 findet die erste Werkwoche zur textilen Volkskunst in Ostpreußen unter der Leitung von Hanna Wangerin statt. Diese Veranstaltung wird bis 2015 eine feste Größe im Programm des Ostheims bleiben und nach dem Ende des Kalten Krieges in Osteuropa durch eine gleichartige in Ostpreußen ergänzt werden.
Nach häufigeren Wechseln in der Leitung des Hauses übernimmt das Ehepaar Hammer diese und führt als hauseigene Veranstaltungen die Freizeiten ein. Am 15. August 1995 folgen ihnen Ralph und Veronika Winkler in der Leitung des Hauses nach. Es gelingt ihnen, den schon seit Längerem defizitären Betrieb der Tagungsstätte durch massiven Personalabbau und hohen persönlichen Arbeitseinsatz wieder in die Überschusszone zu bringen. Der große Renovierungsstau – beispielsweise die Erneuerung der sanitären Anlagen – wird mit einem von der LO gewährten Kredit angegangen. Das Geld reicht jedoch bei Weitem nicht, die
22 Doppel- und 15 Einzelzimmer mit Duschen und WC auszustatten und damit auf einen heute von Beherbergungsbetrieben allgemein erwarteten Stand zu bringen. Trotzdem steigen die Übernachtungszahlen in den ersten Jahren der Winklers an.
Der im Jahr 2001 erfolgte Anbau des bis zu 100 Personen fassenden Preußensaals mit dem neuen Küchentrakt im Untergeschoss kostet einschließlich Technik und Innenausstattung rund eine Million D-Mark. 2006 übernimmt die LO vom Verein Ostheim e.V. gegen Verrechnung der Verbindlichkeiten das hälftige Eigentum an Haus und Grund des Ostheims und wird damit dessen alleinige Eigentümerin.
Von 1958 bis 2015 hat das Ostheim schätzungsweise – genaue Zahlen liegen erst seit 1975 vor – rund 500000 Übernachtungen gesehen, wobei sich der Schwerpunkt von der Jugendarbeit in seinen Anfangsjahren zu Angeboten für die ältere Generation in der jüngsten Vergangenheit verlagert hat. Die gebürtigen Ostpreußen sind inzwischen über 70 und diejenigen, die sich noch bewusst an die Heimat erinnern, noch ein paar Jahre älter. Und da es nicht gelungen ist, die Masse der Nachgeborenen mehr für die Heimat ihrer Vorfahren zu interessieren, kam, was kommen musste: Seit zirka sechs Jahren gehen die Belegungszahlen des Ostheims zurück. Der weitere Betrieb ist unter finanziellen Gesichtspunkten nicht mehr vertretbar. Deshalb hat dass Ostheim seinen Wirtschaftsbetrieb zum 31. Dezember 2015 eingestellt.
Und wie geht es weiter? Beim Versteigerungstermin am 17. Dezember wurden keine Gebote abgegeben. Jetzt wird abgewartet, ob sich in der Nachverkaufsfrist ein Erwerber findet. Die kulturhistorisch wertvollen Exponate des Ostheims – darunter die Statue des Trakehners „Hessenstein“ im Garten – werden in die ostpreußischen Kultureinrichtungen in Lüneburg und Ellingen verlagert. Das Ehepaar Winkler wird noch ein paar Monate mit der Abwick-lung des Wirtschaftsbetriebes beschäftigt sein und dann nach Bayern zurückkehren, wo Ralph Winkler in den wohlverdienten Ruhestand gehen wird.
Der Verein „Ostheim e.V.“ wird sich nach dem Verkauf der Immobilie auflösen. Und der Großteil der Veranstaltungen der verschiedenen Gliederungen der Landsmannschaft Ostpreußen wird künftig in anderen Institutionen – beispielsweise der Politischen Bildungsstätte Helmstedt – durchgeführt werden.

Ab jetzt finden alle Seminare in Helmstedt statt
Das traditionsreiche Ostheim in Bad Pyrmont ist Geschichte, nun geht es in der Politischen Bildungsstätte Helmstedt weiter. Das Seminarangebot wird dort im gleichen Umfang fortgesetzt (siehe Seite 15). Die Bildungsstätte bietet im erholsamer, naturnaher Umgebung eine anregende Lernatmosphäre (www.pbh-hvhs.de). Die Preise werden gleich bleiben. Alle Zimmer sind mit Dusche und WC ausgestattet. Trotz der ruhigen Lage am Rande des Lappwaldes ist der Bahnhof mit ICE-Anschluss nur zwei Kilometer entfernt. Vor dem Bahnhof befindet sich ein Taxistand. Mit dem Auto lässt sich das niedersächsische Helmstedt leicht über die A2 erreichen.

 

Veröffentlicht am 31.12.2015
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