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»Was wird von mir wohl bleiben?«

Agnes Miegels 140. Geburtstag – 50 Jahre Agnes-Miegel-Gesellschaft
Die ostpreußische Dichterin am Anfang und zum Ende ihrer Schaffenszeit: Agnes Miegel Bilder (2): Archiv

Am 9. März feiern wir Agnes Miegels 140. Geburtstag – und gleichzeitig das 50-jährige Bestehen der Agnes-Miegel-Gesellschaft, die fünf Jahre nach ihrem Tode in Bad Nenndorf gegründet worden war.

Und so darf man wohl fragen – was ist von ihr geblieben, die laut einer Umfrage in den 30er Jahren einmal zu den sechs bekanntesten Persönlichkeiten Ostpreußens zählte? Die für ihre Balladen, Gedichte und Erzählungen so außerordentliche Ehrungen erhielt wie 1924 die Ehrendoktorwürde der Königsberger Universität Albertina (ohne dass sie ein akademisches Studium absolviert hatte) – 1940 den hochangesehenen Goethepreis der Stadt Frankfurt (dessen Preiskomitee auch in den dunkelsten Jahren der deutschen Geschichte nicht von seinem hohen Anspruch an hervorragende künstlerische Qualität abgewichen war) und 1959 den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Als erste Frau wurde sie 1939 Ehrenbürgerin ihrer damals fast 670 Jahre alten Vaterstadt Königsberg und, einmalig in der Geschichte des Staatsbades Nenndorf, ihrer Altersheimat, 1954 zum Ehrenkurgast erhoben.
Als sie 1964 starb, telegrafierte der Parteivorsitzende der SPD Willy Brandt zusammen mit Fritz Erler und Herbert Wehner sein Beileid an Elise Schmidt-Miegel: „In Frau Agnes Miegel verliert die Geisteswelt eine Dichterin, deren Schaffen, von der tiefen Liebe zur Heimat geprägt, in die deutsche Literaturgeschichte eingehen wird.“
Heute aber trägt keine Schule mehr ihren Namen, und kulturferne politische Agitatoren betreiben die Umbenennung von Straßen, die nach ihr benannt sind. Die früher selbstverständliche Kenntnis von einigen Miegel-Gedichten ist pauschalierenden Schlagworten gewichen, entweder wird die „Nazidichterin“ gleich in Bausch und Bogen verurteilt, ungeachtet ihrer zeitlosen künstlerischen Werke und ihrer vollständigen Entlastung, oder die „Mutter Ostpreußen“, wie ihre Landsleute und heimatvertriebenen Schicksalsgenossen sie liebevoll nannten, wird als unbedeutende Heimatdichterin abgetan.
Man hat Agnes Miegel öfters mit Annette von Droste-Hülshoff verglichen, sie zuweilen gar als „Droste des Ostens“ betitelt. Mit dem Ruhm war es bei der Westfälin genau umgekehrt: Zu Lebzeiten war sie kaum bekannt, heute ist sie aus keiner Literaturgeschichte fortzudenken. Aber auch sie – kennt man sie denn? Meistens verbindet man nur zwei oder drei Titel aus dem Schulunterricht mit ihrem Namen. Ruhm ist nicht gleichbedeutend mit Bekanntheit und Textvertrautheit.
So gilt für Agnes Miegel wie für jeden Dichter: Das Werk muss jeder Leser selbst entdecken, sich erobern. Schon Goethe brachte das mit seinem bildhaften Vergleich auf den Punkt: „Gedichte sind gemalte Fensterscheiben.“ Von außen ist nicht viel zu sehen, erst drinnen überraschen und bezaubern Licht und Farben.
Nehmen wir zum Beispiel Agnes Miegels Ballade „Das Opfer“ von 1920.
Der Amtmann saß im Saale, da kamen sie langsam herein,
Spuckten aus und zogen die Mützen, sie kamen zu zwein und drein,
Vierschrötig, kurzbeinig und sonnverbrannt, an die hundert Mann.
Sie schoben sich vor den Richtertisch und starrten den Amtmann an.
Sie rochen nach Salz und Seewind, sie rochen nach Kienrauch und Teer.
Der Amtmann schnitzte am Federkiel: „Willem Pönopp, komm mal her,
Es geht durchs ganze Samland über dich ein groß Geschrei:
Der Willem verlockt die Fischer zu heidnischer Zauberei.“
Man sieht die Szene vor sich, mit allen atmosphärischen Details, als wäre man selbst mit dabei. Man sieht die Schar der Fischer, spürt ihre wortkarge Wesensart und ihren handfesten Arbeitsalltag am Wasser. Und dann rollt Agnes Miegel im Bericht der Fischer vor dem Amtmann die Handlung auf – es ist die ostpreußische Sage von Valtin Supplitt, die hier mit einigen dramaturgisch wirkungsvollen Änderungen gestaltet wird.
Unter der schwedischen Belagerung entschließen sich die bedrängten Fischer zur Selbsthilfe und bauen auf ihre alte Religion, die tatsächlich handfeste Hilfe bewirkt. Ein Nachfahre der alten Priester vertreibt die Fische mit einem Ritual, das noch fern in seiner Erinnerung verankert ist. Die Schweden ziehen tatsächlich ab – aber die Fischer leiden selbst Hungersnot. Nach schweren Monaten für die ganze Bevölkerung bleibt dem strengen Amtmann nichts anderes übrig, als ein erneutes (heidnisches) Handeln der Fischer zu verlangen, das die Fische wiederbringen soll. Der Zauber gelingt, große Fischschwärme ziehen heran, „aber der silberne Hering kam nie mehr zurück“.
Mit bannender, detailfreudiger Unmittelbarkeit schildert Agnes Miegel das Geschehen und die Gebete an den „Gott unsrer Väter“, den „Herrn des salzigen Wassers den kein Name nennt“, „dem alles gehört was glitzernd die Flossen regt“, „der auf dem Haupt den erstarrten Honig des Meeres trägt“, – den Vater, der seinem bedrängten Volke helfen möge. Man muss die ganze Ballade lesen, um Wort und Gestaltung staunend zu entdecken, zu erleben.
Die Dichterin selbst aber war fest in der christlichen Religion verwurzelt und gehörte der reformierten Burgkirchengemeinde in Königsberg an wie ihr Vater und ihre Königsberger Vorfahren. Was sie schrieb, reicht in zahlreiche Kulturen und Regionen der Erde, in die sie sich seherisch einfühlte.
„Sang ich, mir selber kaum deutbar, was Schatten und Erde mich lehrten,
Sang ich Liebe und Tod – sang ich das eigne Geschick.“
Flucht und Heimatverlust trug sie mit ihren Landsleuten, die sie mit ihrem Wort und ihrer warmherzigen, integeren Persönlichkeit tröstete und stärkte.
In ihren letzten Lebensjahren fragte sie sich oft, „Was wird von mir wohl bleiben?“ und ob noch „ein Vers von mir, ein Wort lebendiges Herze rühren wird?“ Bei den Veranstaltungen der Agnes-Miegel-Gesellschaft jedenfalls ist das immer wieder zu erleben, wie sehr ihr dichterisches Wort die Zuhörer anzurühren vermag.     M. Kopp
Anmerkung der Redaktion: Die promovierte Marianne Kopp ist 1. Vorsitzende der Agnes-Miegel-Gesellschaft e.V.

Veröffentlicht am 08.03.2019
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